„Ein Faible für die Unauffälligen“

Die Vogel-Podcaster Antonia Coenen und Philipp Juranek sind von Haussperlingen begeistert – und wollen sie retten

Abbildung eines Haussperlings
©
Illustration
Falk Nordmann
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ANTONIA COENEN: Ich liebe alle Vögel! Aber wenn ich mir einen Lieblingsvogel aussuchen muss, fällt mir als Erstes der Spatz ein. Ich habe ein Faible für die Unauffälligen – für Heckenbraunellen, Stare oder eben Haussperlinge. Erst wenn man an sie ranzoomt, zeigt sich, wie schön sie eigentlich sind. Auch im Winter, wenn sie sich so süß aufplustern.

PHILIPP JURANEK: Es gibt wenige Vögel, die Grau- und Brauntöne so perfekt kombinieren wie der Spatz. Dazu das schwarze Lätzchen, das die Männchen jetzt im Frühjahr zur Balzzeit haben. Ich kann nur raten: Beobachtet die Spatzen mal eine Weile, wenn Ihr welche seht! Sie leben ja in Kolonien und sind den ganzen Tag zusammen unterwegs.

COENEN: Es sind irrsinnig soziale Vögel.

JURANEK: Wem da nicht das Herz aufgeht!

COENEN: Als ich vor zwanzig Jahren nach Berlin zog, sind sie mir direkt aufgefallen. Man sah sie an jeder Ecke, überall waren sie am Rumtschilpen und hüpften auf die Tische der Straßencafés, wo ich oft saß. Sie prägten wirklich das Stadtbild. Irgendwann wurde mir dann schmerzlich bewusst, dass das in Köln, wo ich herkomme und jetzt wieder wohne, auch mal so war. Aber da sind sie nicht mehr, und auch in Hamburg und München nicht. Und so kam der Wunsch auf, die Berliner Spatzen besser kennenzulernen – und zu erhalten. In dieser Zeit lernte ich auch den Philipp kennen.

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JURANEK: Antonia und ich haben uns wirklich über die Vögel angefreundet – eine lange Geschichte. Einmal saßen wir vor einem italienischen Restaurant, neben uns eine Wand voller Efeu, es tschilpte und zeterte. Wir sprachen darüber, dass dieses Geräusch in Berlin einfach dazugehört. Und ahnten nicht, dass der Efeu bald entfernt werden und die ganze Kolonie ihre Heimat verlieren würde.

COENEN: Berlin war für Spatzen lange eine Oase. Da wurde weniger gebaut, weniger Grün weggemacht, die Stadt hatte nicht so viel Geld. Aber inzwischen wird auch dort alles auf Stock geschnitten. Häuser wurden saniert, Spatzen, aber auch Mauersegler und Fledermäuse verloren ihre Nischen. Vielerorts herrschte plötzlich Totenstille. Deshalb gründete ich mit Claudia Wegworth 2018 die Berliner Spatzenretter – um Bewusstsein zu wecken, politisch mitzuwirken und Artenschutz an Schulen zu pushen.

Vor Jahrtausenden hat sich der Spatz dem Menschen angeschlossen. Doch in den cleanen Städten von heute brechen seine Populationen ein. Philipp Juranek und Antonia Coenen werben für einen liebevollen Blick – und strengen Schutz

JURANEK: Bei der „Stunde der Wintervögel“ des Nabu zählten Freiwillige im Januar nur halb so viele Spatzen wie im Vorjahr, sie sind jetzt nicht mehr Berlins häufigster Vogel. Der Rückgang hat viele Ursachen. Spatzen sind biologisch viel komplexer, als man denkt. Sie brauchen einen sicheren Tageseinstand, wo sie geschützt ihrem Sozialleben nachgehen können. Sie brauchen Nistplätze, pflanzliche Nahrung und Insekten für die Jungvögel. Und wenn die Gruppe zu klein wird, verschwinden sie bald ganz.

COENEN: Deshalb meine Bitte: Hängt Nistkästen auf! Am liebsten schon im Winter, damit die Tiere sich daran gewöhnen können. Schneidet Eure Hecken nicht zu kurz, und pflanzt auf Balkonen und in Gärten heimische Pflanzen!

JURANEK: Es gibt immer die Möglichkeit, im Kleinen zu wirken, gerade wenn von der Politik zu wenig kommt. Dabei könnte die so viel tun! Sie könnte zum Beispiel bei Sanierungen und für Neubauten ab einer gewissen Größe Brutnischen für Gebäudebrüter vorschreiben. Diese Tiere sind seit Jahrtausenden an uns Menschen gebunden. Sie sind Teil unserer Natur und Kultur. Wir haben eine riesige Verantwortung für sie.

COENEN: Und es tut so gut, sie um uns zu haben. Es geht nicht nur um die Seelchen der Vögel – ich bin sicher, dass sie eine haben –, sondern auch um unsere. Viele Hörerinnen und Hörer haben uns geschrieben: „Ich hatte eine so schwere Zeit, Euer Podcast und die Liebe zu den Vögeln haben mir da durchgeholfen.“

JURANEK: Es ist eine Community von Menschen entstanden, die so denken wie wir. Das gibt echt Kraft. Gerade auch in Zeiten, in denen man oft denkt: Was ist eigentlich los auf dieser Erde?

Protokoll: Wolfgang Hassenstein