Die Lobby der Libelle

Visionäre Naturliebhaber zeigten schon im 19. Jahrhundert, wie wichtig der Kontakt mit der Natur für alle Menschen ist. Ein Plädoyer für Feuchtgebiete von Claus-Peter Lieckfeld

Illustration einer rosa Libelle über ein Teichufer mit Rohrkolben und einem weißen Reiher
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Text
Claus-Peter Lieckfeld
Illustrationen
Barbara Dziadosz
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Wildnis? Das ist woanders, weit weg. Wir denken an die afrikanische Savanne, an die Regenwälder Lateinamerikas, an die kalte Unendlichkeit am Yukon, an Entlegenes und Menschenleeres. In unserem dicht besiedelten Land zwischen Flensburger Förde und Werdenfelser Alpen, zwischen Rhein und Oder scheint dafür kein Platz mehr zu sein. Und tatsächlich soll es deutschlandweit noch gerade mal 0,6 Prozent Wildnis geben. Das Zwei-Prozent-Ziel, das in Deutschland an den Wunschhorizont geschrieben steht, sei nur erreichbar, wenn große Areale zur Verwilderung freigegeben werden, erklären uns Experten. Und sie sagen es meist in bangem Konjunktiv-Irrealis: freigegeben würden.

Wildnis muss unberührt und großflächig sein, sonst zählt sie nicht. Oder?

Es gibt für Wildnis andere Bewertungen und Aufgabenzuweisungen, die erstaunlich alt sind und gleichwohl zeitgemäß. Es lohnt sich hinzuschauen.

Manchmal geschieht Großes im Kleinen. Ein deutscher Volksschullehrer hat vor rund 140 Jahren in Schleswig-Holstein nahe Kiel die Idee, die Lebensgemeinschaft des Hohenfelder Mühlenteiches für Schulkinder erlebbar zu machen. Und ein eigenbrötlerischer Literat in Neuengland zieht sich 1845 als Aussteiger auf Zeit an einen waldumsäumten See zurück, den Walden Pond.

Der Deutsche belebt den Naturkundeunterricht mit seiner Teichpädagogik: weg vom „Käferbeinzählen“ und Schematisieren, hin zum Erleben, Verstehen und – wenn’s gut geht – zur Naturliebe. Das Wilde, die unbekannte Nähe, rückt auf den Stundenplan.

Der Amerikaner begründet mit seinem literarischen Tagebuch „Walden“, das ein Allzeit-Bestseller wurde, jene Wildnis-Zugewandtheit, auf der alsbald die Nationalpark-Pioniere in den USA aufbauen konnten in ihrem Kampf für großflächige Schutzgebiete im Westen der Vereinigten Staaten.

Friedrich Junges Aufzeichnungen dagegen kennen heute allenfalls noch wenige, die sich für die Anfänge der naturkundlichen Erlebnispädagogik interessieren.

Am 4. Juli 1845 bezog Henry David Thoreau am Walden Pond bei Boston, Massachusetts, eine selbst gezimmerte Hütte. Das stadtnahe Gewässer war für ihn: „Das Auge der Erde. Wer hineinblickt, ermisst in ihm die Tiefe der eigenen Natur. Die Bäume dicht am Ufer, welche sein Wasser saugen und in ihm zerfließen, sind die schlanken Wimpern, die es umsäumen, und die waldigen Hügel und Felsen sind die Augenbrauen, die es überschatten.“

Die gut zwei Jahre, die Thoreau beobachtend, schreibend, philosophierend am Walden Pond verbrachte, waren ein Experiment, dessen Ergebnis schwer zu fassen ist. Der Dichter zieht die Summe so: „Die wahre Ernte meines Lebens ist etwas so Unbegreifliches und Unbeschreibliches wie die Farben des Morgen- und Abendhimmels, ein wenig eingefangener Sternenstaub, ein bisschen Niederschlag von dem Regenbogen, den ich umklammert hielt – das ist meine Ernte.“

Aber wäre es nur dieses spirituelle Früchtesammeln gewesen, Thoreau wäre nicht jener Urahn eines ganzheitlichen Naturverständnisses geworden, als der er heute gilt. Was er vor 180 Jahren schrieb, klingt heutig: „Soll ich nicht im Einvernehmen mit der Erde stehen? Bin ich nicht selbst zum Teil Blätter und Pflanzenerde?“

Was die Wildnis – dass es nur eine gezähmte unweit von Boston war, spielte für Thoreau keine Rolle – dem Einsiedler bedeutete, liest sich so: „Das Lebendigste ist das Wilde … Hoffnung und Zukunft liegen für mich nicht auf Rasen und kultivierten Feldern, nicht in Städten und Metropolen, sondern in den unergründlichen und schwankenden Sümpfen … Ich beziehe mehr für meine Existenz aus den Sümpfen, die meine Heimatstadt (Lexington) umgeben, als aus den Gärten des Ortes.“

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Nun, auch der Mann, von dem man sagte, dass er das beste Englisch seiner Zeit sprach und schrieb, verließ seine Einzimmerhütte irgendwann wieder und kehrte in die Zivilisation zurück; seine Empfehlung an die Menschheit war nicht, dass jede und jeder erst einmal Logis in der Einsamkeit nehmen müsse, um sinnvoll weiterleben zu können. Das geht nicht, da war der Visionär schon auch geerdet. Er machte einen ziemlich pragmatischen Vorschlag: „Jede größere Stadt soll Wildnis vor ihren Toren haben, damit sich die wundgescheuerten Seelen dort wieder etwas gesundbaden können.“ Und weiter schrieb er: „Ich will einer Natur das Wort reden, die absolut frei und wild ist.“

Was der Meister der beschreibenden Erforschung von Natur sich von ihr und für uns verspricht: Wildnis ist das Tonikum für den in seiner Lebenswelt verwundeten Menschen; sich in wilde Natur zu versenken, ist wie Heilschlaf; und damit wir in seinen Genuss kommen können, gilt: Wildnis muss in Reichweite sein.

Ökologen und Naturschutzpraktiker weisen darauf hin, dass Schutzgebiete eine Mindestgröße haben müssen; ansonsten drohen Verinselungseffekte, deren Folge die genetische Verarmung von Flora und Fauna ist. Das stimmt.

Aber es muss neben notwendigerweise großflächigen und vernetzten Schutzgebieten auch diese kleinen wilden Inseln geben, die man mit wenigen Schritten erreichen kann. Die einem ein Aussteigen auf Stunden ermöglichen. Die eine Nähe zwischen Natur und Stadt, jener menschengemachten Lebenslandschaft, schaffen.

„Zeig ihnen den Ort, wo Sibirische Schwertlilien das Blaue vom Himmel versprechen, wo Laubfrösche ihre Kehlsäcke blähen und Zauneidechsen über ihre Schatten huschen. Lass Wildnis Wunder wirken!“


Das Abenteuer der Nähe fand der Dorfschullehrer Friedrich Junge 1884 unweit seines Unterrichtsraumes: einen Mühlenteich. Der Begriff der Biozönose (Lebensgemeinschaft) war erst wenige Jahre in der Welt; Junge machte ihn erlebbar für seine Schüler. Kein Trockenfutter für Kinder, kein sinnentleertes Aufzählen und Rubrizieren, stattdessen Neugier wecken und Begeisterung entfachen.

Ein Beispiel: Wie man aus Wasserläufern (Hydrometra) pädagogische Wasserträger macht. „Schlägt man mit dem Stab zwischen ein Rudel Wasserläufer, stieben sie auseinander, um sich sogleich wieder am selben Ort zu versammeln. Suche einen mit der Hand zu haschen – er weicht geschickt und zur rechten Zeit aus. Sieh genau hin: Wo die Füße das Wasser berühren, machen sie einen Eindruck in der Wasseroberfläche. Warum aber sinken sie nicht unter?“

Die Antwort finden die Kinder experimentierend. Der Lernstoff – hier: Anpassung an den Lebensraum Wasseroberfläche – wird erspielt, wobei die Regie des Lehrers darin besteht, immer wieder zu scharfer Beobachtung zu ermuntern.

So wie Thoreau für sich beanspruchte, auf engem Raum („Was gilt mir Afrika – was der Westen?“) an einem unscheinbaren Gewässer die Natur und in der Natur sich selbst zu erkennen, so schwebte es Junge vor, „an einem eng umgrenzten Lebensraum exemplarisches Lernen“ zu ermöglichen.

Was Junge für Schüler entwickelt hat – entdeckendes Lernen –, taugt auch als Leitschnur für alle, die kleine Fluchten in die Natur unternehmen: Der Mensch muss entdecken und mit Lust verstehen können, was er sieht. Wenn das nicht der Fall ist, ist die Lobby auch für den Kampf um größere Naturschutz- und Wildnisgebiete notorisch zu klein und zu schwach. Etwas schätzen und etwas schützen trennt nur ein Buchstabe. Genau wie Kennen und Können.

„Kennen“ in diesem Sinne meint nicht angewandte Artenkenntnis; man muss nicht wissen, dass der Große Schillerfalter mit Wissenschaftsnamen Apatura iris heißt, um ihn zauberhaft zu finden.

Kennen meint, die Mitgeschöpflichkeit wahrzunehmen und die Wahrnehmung einsinken zu lassen. Sie zu fühlen. Und all das mit Augenlust und Abenteuerfreude.

Vielleicht hilft ein Beispiel, dies zu verdeutlichen. Wer am Teichrand hockt und erlebt, wie sich eine Mosaikjungfer aus ihrer Puppenhülle befreit, um dann glitzernd aufzufliegen, gehört womöglich von da an zur „Lobby der Libelle“. Und weil es Libellen nicht ohne Bäche, Teiche, Tümpel und Seen gibt, auch zum Dachverband „Lobby für Feuchtgebiete“.

Ich habe das große Glück, in einem wunderschönen Landstrich am Ammersee zu wohnen. Ich stelle mir unsere Dorfbürgermeisterin vor, wie sie bei „Lobby für Feuchtgebiete“ aufmerkt.

Sie könnte, so stell ich mir vor, erst zustimmend nicken und dann „Ja, aber ...“ sagen, um dann fortzufahren: „Wildnis oder ‚Wildnis aus zweiter Hand‘ – gut und schön! Aber hast Du ’ne Ahnung von der Nutzerkonkurrenz? Die aufgelassene Kiesgrube am Moosberg wollen die Jugendlichen für eine Cross-Rennstrecke haben, der Angelverein Grüne Rute möchte dort ein Ersatzgewässer, weil sein Oberer Lehmweiher verlandet, zwei örtliche Bauunternehmer wollen Bauschutt einlagern, und die Amphibienfreunde wollen ihre Gelbbauchunken geschützt wissen. Was tun?“

Ein Kompromiss, der alle Antragsteller berücksichtigt, ist schwer denkbar. Und noch weniger vorstellbar, dass die Unken das Rennen machen, obwohl unsere Bürgermeisterin sich schon bei der Aufstellung von Krötenwanderungszäunen ins Zeug gelegt hat.

Was würden die beiden von mir verehrten Streiter für „Wildnis nebenan und zum Anfassen“, für „wilderness next door“, raten, was würden der Mann aus Schleswig-Holstein und der Mann aus Massachusetts sagen?

Ich stelle mir vor, dass sie auf die Wundertätigkeit des Wunderbaren setzen würden, auf die Kraft der Rätsel und die alte Lust, sie zu lösen. Etwa so: „Sieh zu, dass sich die Bürgermeisterin und der Gemeinderat in die Möglichkeit einer dorfnahen Wildnis verlieben. Lass die Natur für sich selbst plädieren. Zeig den Entscheidungsträgern eine offen gelassene Kiesgrube, an deren Abbruchkante Aufbruchstimmung herrscht, weil Uferschwalben-Junge ihren Jungfernflug starten. Zeig das Wunder als abgeschlossene Geschichte. Zeig ihnen den Ort, wo Sibirische Schwertlilien das Blaue vom Himmel versprechen, wo Laubfrösche ihre Kehlsäcke blähen und Zauneidechsen über ihre Schatten huschen. Lass Wildnis Wunder wirken!“