Das erste Eis, das Jule Sachs der alten Maschine abtrotzt, überreicht sie mit einem Strahlen. Cremiges Softeis, so wie es hier in Mecklenburg-Vorpommern traditionell gegessen wird. Der Eisbus „Gabi“ steht neben einem Kornfeld am Rand einer Siedlung aus Ferienbungalows. Im Gebüsch wummert der Generator, der das Eis kühlt, laut wie ein mittelgroßer Außenbordmotor.
Die Idee für den Bus kam Jule Sachs vor einem Jahr. Sie war paddeln auf der Peene, zum Ende des Tages hatte sie ihren Kindern Eis versprochen. In der einzigen Eisdiele weit und breit lagen AfD-Zollstöcke hinterm Tresen, Aufschrift: „Nicht für linke Hände“. „Wir sind rückwärts wieder raus – und ich musste den Kindern erklären, warum ich da kein Eis kaufen kann.“ Eine Dreiviertelstunde sei sie über das Land gefahren, um endlich doch noch eines zu bekommen.
Da habe sie das erste Mal über einen Eisbus nachgedacht. Einen Bus, der an Orte fährt, wo sonst nicht mehr viel los ist. Solche Orte gibt es in Mecklenburg-Vorpommern viele. Wo ein Laden nach dem anderen schließt, Bus- und Bahnverbindungen eingestellt werden, es schon lange keine Kneipe oder Gaststätte mehr gibt. Und eben auch keine Eisdiele.

Der Eisbus ist Teil von „Zusammen bewegen“, einem Netzwerk von Engagierten, das sich im letzten Winter in dem Bundesland gegründet hat. Um Menschen ins Gespräch zu bringen, die sonst nie etwas miteinander zu tun hätten. Als Reaktion auf den stetigen Umfragezuwachs der AfD, wenige Monate vor der Landtagswahl im Herbst. Im Frühsommer, als der Eisbus das erste Mal unterwegs ist, liegt die Rechtsaußen-Partei bei 35 Prozent, sieben Prozentpunkte vor der SPD, die derzeit zusammen mit der Linken in MV regiert.
Softeis gegen Rechtsruck?
Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr hat die AfD in so gut wie allen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern den höchsten Stimmenanteil bekommen. Auf der Landkarte mit den Wahlergebnissen ist das Land, bis auf ein paar schwarze, rote oder dunkelrote Inselchen, komplett hellblau eingefärbt. 25 Prozent in Greifswald. 54 Prozent in Wolgast. 77 Prozent in Wrangelsburg.
Was bedeutet es, dass die Leute von „Zusammen bewegen“ als Antwort auf diese Entwicklung ... Softeis verteilen? Aus einem alten Fiat-Transporter heraus, den sie bunt angemalt haben. Ein großes Softeis auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Luke, aus der das Eis gereicht wird, über den Frontscheiben steht „Eis to meet you“. Ist das ein Offenbarungseid? Oder ist es eine Revolution?
Für Mecklenburg-Vorpommerns dünn besetzte Zivilgesellschaft ist „Zusammen bewegen“ jedenfalls ein Riesending. Innerhalb weniger Monate ist das Netzwerk zur größten bürgerschaftlichen Bewegung des Bundeslandes angewachsen. Allein die Signal-Chatgruppe für die Region Ost, eine von vier Organisationsgruppen, hat 400 Mitglieder. Ihnen geht es darum, Leute zu erreichen, die sich außerhalb der eigenen Blasen befinden. Leute, die zwar jeden Tag rechtsextremen Content in ihren Social-Media-Timelines finden, die aber noch erreichbar für andere Botschaften sind. „Zusammen bewegen“ ist auch eine Gemeinschaftsstiftung, eine Gegenbewegung: gegen das aushöhlende Gefühl der Einsamkeit und des Übriggebliebenseins. Das grassiert ohnehin schon lange in den sich leerenden Dörfern und Städten der nordostdeutschen Provinz und hat durch Corona und Digitalisierung, durch Online-Shopping und demografischen Wandel immer neue Schübe erfahren. Deshalb will „Zusammen bewegen“ auch ein Aufbruch der Nachbarschaft sein, ein Bekenntnis zur analogen Begegnung. Eine ernst gemeinte ausgestreckte Hand.
Das Netzwerk, das all dies ist und will, ist dezentral organisiert. Jemanden zu finden, der den Gesamtüberblick hat, ist kaum möglich. Dafür sind die Akteure zu weit verstreut, die Ortsgruppen zu lose verbandelt. Aber: Etwa jeden zweiten Tag findet irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, diesem großen, dünn besiedelten Flächenland, etwas statt, das Leute von „Zusammen bewegen“ auf die Beine stellen. Eine Müllsammelaktion in Ludwigslust. Gemeinsames Singen in Neubrandenburg. Klönschnackrunden mit Kaffee und Kuchen in Stralsund. Die Formate sind weder neu noch besonders aufregend. „Zusammen bewegen“ ist maximal unspektakulär. Zumindest auf den ersten Blick.
Eine Woche nach der ersten Fahrt des Eisbusses veranstaltet „Zusammen bewegen“ auf dem Marktplatz von Gnoien ein Stadtfest. Gnoien ist eine Kleinstadt, 3000 Einwohner, halbe Strecke zwischen Greifswald und Rostock. Stände, Essen, Trinken, frisch geerntetes Gemüse einer lokalen Kooperative. Neben einer Hüpfburg sitzt Karen Wieprich, 53 Jahre alt, mit einem Paar aus Gnoien am Tisch. Sie sind auf den Marktplatz gekommen, um zu gucken, was hier so los ist. Ihre Tochter springt auf der Hüpfburg herum.
„Wollen wir ein Klönschnack-Gespräch machen?“, fragt Karen Wieprich.
Sie blickt in zwei fragende Gesichter.
Wieprich: „Ach, da würden wir uns einfach mal unterhalten. Über Gnoien und die Zukunft, unsere Wünsche und so.“

Gnoien und die Zukunft, das ist so ein Thema. Für Tourismus ist das Städtchen zu weit weg vom Meer, es gibt ein bisschen Handwerk und Landwirtschaft. In den letzten Jahren haben viele kleine Läden geschlossen. Das Online-Shopping und die großen Ketten sind das Problem. Darüber sind sich schon mal alle am Tisch einig.
Was stört die beiden Gnoiener außer den leeren Läden? Dem Mann, Brille und Schnauzbart, schießt plötzlich die Zornesröte ins Gesicht, seine Halsschlagader schwillt an: „Diese Scheiß-Windräder, die müssen weg! Die verschandeln doch die Landschaft!“
„Schön finde ich die auch nicht“, sagt Karen Wieprich vorsichtig, „aber ich denk mir: Wenn die andererseits Strom produzieren, den wir brauchen, dann ist das doch was Gutes.“
In Klönschnack-Gesprächen versucht Wieprich etwas, das viele Menschen instinktiv vermeiden, weil es sich unbehaglich anfühlt. Sie redet mit Leuten, die sie gar nicht kennt – und wenn sie merkt, dass ihr Gegenüber eine ganz andere Meinung hat als sie, versucht sie nicht, das Gespräch abzubrechen oder auf ein anderes Thema zu lenken. Und so bleibt sie auch jetzt sitzen, bleibt geduldige Gesprächspartnerin, obwohl sie anfängt, sich über den Wutausbruch des Mannes zu ärgern. „Schornsteine haben auch noch nie jemanden gestört, aber die Windräder sind plötzlich ein Wahnsinnsproblem“, wird sie später sagen.
Fast alles alte Hasen
Es gibt ein paar wenige „Neue“ bei „Zusammen bewegen“, Leute, denen die aktuellen Umfragewerte den letzten entscheidenden Anstoß gaben, sich zu engagieren. Aber die meisten Aktiven sind alte Hasen, seit Jahrzehnten zivilgesellschaftlich aktiv.

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Viele von ihnen haben schon 2007 beim G8-Gipfel in Heiligendamm bei Rostock für globale Gerechtigkeit demonstriert, sind vor 2011 gegen Atomkraft auf die Straße gegangen, haben sich 2015/16 für Geflüchtete eingesetzt und in all den Jahren, immer wieder, für das Klima, die Demokratie, Naturschutz oder kulturelle Vielfalt.
Michael Steiger ist einer der wenigen Männer unter vielen Frauen. Ein großer, kräftiger Typ, der im Januar am Abend seines 60. Geburtstags auf seinem Insta-Kanal ein Video mit Geburtstagswünschen hochgeladen hat: „Frieden für die Ukraine, dass Trump die Finger von Grönland lässt, dass meine Mitbürger verstehen, dass Demokratie die beste Staatsform ist, und meine Freunde im Nahen Osten aufhören, aufeinander zu schießen.“
Seit Mitte der Neunzigerjahre lebt Steiger in MV. Ein Urgestein der Zivilgesellschaft, das einen Pfadfinderbund und einen Demokratiebahnhof gegründet, Demos gegen Rechtsextremismus organisiert hat und auf dessen Kleinbus schon mal ein Brandanschlag verübt worden ist. Für das Bundesland hat er das Format „Jugend im Landtag“ mit geplant.
Nun sitzt er wie Karen Wieprich in Klönschnackrunden mit Kaffee und Kuchen in Demmin, Loitz oder Gnoien. „Ich kann schon verstehen, wenn Leute Kaffeetrinken als Aktionsform ein bisschen lame finden“, sagt er. Aber vielleicht habe man in all den Jahren zu sehr versucht, sich abzugrenzen, und zu wenig versucht, die Hand auszustrecken.

„Jetzt geht es darum, die Gräben zumindest nicht tiefer zu machen“, sagt er. „Wir kommen nicht als Gegner, sondern als Mitmachangebot, und müssen beweisen, dass wir die besseren Ideen haben.“ Auch wenn er sich nun bei dem, was er sagt, ein bisschen anhört wie ein Politiker auf Sendung: Er meint es genau so. Und mit „wir“ meint er die Zivilgesellschaft, die demokratische Mehrheit, bei der man sich zuweilen nicht sicher ist, ob sie noch eine Mehrheit ist.
Was kommt in den Klönschnackrunden zur Sprache? „Wir reden über Gott und die Welt, das, was in den Orten eben so relevant ist“, sagt Steiger. Themen, auf die sich fast alle einigen können. Besseren ÖPNV. Bessere Infrastruktur. Mehr Kultur. Lebenswerte Orte. Die Leute von „Zusammen bewegen“ wollen sich nicht an der AfD abarbeiten, sie am besten noch nicht einmal benennen. In den Klönschnackrunden kommt sie wenig vor und ist doch präsent, der Elefant im Raum beziehungsweise auf dem Marktplatz von Gnoien.
In Gnoien holte die AfD bei der Bundestagswahl fast 53 Prozent. Hier kann man abzählen: eins, zwei. Oder man hört einfach den Leuten zu.
Zum Beispiel wenn Karen Wieprich das Pärchen an ihrem Tisch fragt, was es sich für die Zukunft wünscht.
Sie: „Frieden.“
Er: „Geschlossene Grenzen.“
Sie: „Aber nicht wie in DDR-Zeiten.“
Er: „Nein, wie in D-Mark-Zeiten.“ Zu der Zeit, zwischen Wende und Euro-Einführung, waren die Grenzen zwar nicht geschlossen. Aber offenbar verbindet er damit so etwas wie eine gute alte Zeit. Was soll man da sagen?
Karen Wieprich sagt: „Stören Sie denn die Ausländer hier? Es gibt ja kaum welche. Hier steht so viel leer. Ich finde, wir könnten noch ein paar Leute gebrauchen.“
Er: „Wenn die alle arbeiten und Steuern zahlen, dann stören die mich nicht. Aber die kommen doch nur her, um sich die Taschen vollzumachen. Und unsere Frauen und Kinder können nicht mehr sicher auf der Straße sein, bei all den Messerstechern.“
Karen Wieprich versucht es mit Verständnis. Sie sagt, die wenigsten Geflüchteten seien doch Gewalttäter. Sie schlägt einen weiten Bogen, spricht über Statistiken von Gewaltdelikten und die Herausforderung, in einem neuen Land und einer anderen Kultur anzukommen. „Eigentlich bräuchten die Menschen viel mehr Unterstützung“, sagt sie. „So wie andere Benachteiligte.“ Die Frau am Tisch nickt. Plötzlich geht es darum, dass es neuerdings in Gnoien auch keine Suchtberatungsstelle mehr gibt. Für ein paar Minuten ist er wieder da, mühsam errungen, der gemeinsame Boden.
Eigentlich geht es in den Klönschnack-Gesprächen darum, solche aufwallenden Situationen möglichst zu vermeiden. Diese „Triggerpunkte“, wie der Soziologe Steffen Mau sie nennt, die jede Diskussion sprengen können, weil sie aufgeladen sind, zu so viel Polarisierung geführt haben, dass mit ihnen nicht nur Sachverhalte, sondern zugleich Identitäten infrage stehen.
Karen Wieprich engagiert sich seit mehr als zwanzig Jahren für Kultur und Bildung in Gnoien und Umgebung. Sie macht mit Gnoienern Kunst- und Upcyclingprojekte. Umwelt und Klima liegen ihr am Herzen. Im Willkommenscafé arbeitet sie einmal in der Woche mit Geflüchteten. Letztes Jahr bekam sie mit ihrem Verein den Landesintegrationspreis.
Jeder nur einen Wunsch
„Das war mein bisher härtestes Gespräch“, sagt sie später. „Aber ich mach das an sich gerne, jedes Mal lerne ich etwas dabei. Direkt zu den Leuten zu gehen, ist das Einzige, was bleibt, um noch Unentschiedene zu erreichen. Demos haben wir jedes Jahr gemacht, da kriegen wir niemanden überzeugt, die macht man eher für den eigenen Zusammenhalt.“ Sie kommt aus einem Dorf nicht weit von Gnoien, und der Aufstieg der AfD macht ihr Angst. „Da gewöhnt man sich nicht dran. Mittlerweile hängt in jedem Dorf eine AfD-Flagge. Und dann die Sprüche der Leute, wen man alles plattmachen muss. Die meinen ja auch uns.“
Das Pärchen, mit dem Karen Wieprich sich über Windkraft, leere Läden und Messerstecher unterhalten hat, wurde inzwischen von einem Clown angesprochen. Rote Nase, weiß geschminktes Gesicht. Er will die beiden überzeugen, die Wunschvisualisierungsmaschine zu besuchen.

Die Wunschvisualisierungsmaschine ist ein weiteres Instrument, neben dem Softeisbus, mit dem „Zusammen bewegen“ kleine Brücken bauen will. Ein Wägelchen voller Räder und Schrauben, mit einem Rüssel, der an einen Staubsaugerschlauch erinnert. In einem Buch vermerken die Wunschvisualisiererinnen den Wunsch, den hier heute jeder äußern kann. Ein kleiner Junge wünscht sich ein Auto, das die Farbe wechselt, wenn man sich reinsetzt. Eine ältere Frau wünscht sich, dass es einfacher wäre, Freundschaften zu schließen. Jemand wünscht sich seine Haustiere zurück.
Weitere Wünsche: goldene Sommerschuhe und darin gesehen zu werden. Ein Dackel. Ein pinker Kuschelhund. Kinder wünschen sich, dass sie bei ihren Eltern leben können. Eltern wünschen sich Gesundheit für ihre eigenen Eltern. Einige Zeit nachdem ein Wunsch geäußert wurde, spuckt die Wunschvisualisierungsmaschine auf magische Weise die „Quittung“ aus, in einer Dose, die aus einem Rohr in eine Schubkarre fliegt. Wer die Dose öffnet, findet darauf seinen Wunsch, der auf dem Papier gezeichnet Gestalt angenommen hat.
Die Frau, die sich Frieden gewünscht hat und deren Mann geschlossene Grenzen will, wünscht sich nun „ein glückliches langes Leben im Kreise meiner Familie“. „Ich habe lange mit dem Clown darüber nachgedacht“, sagt sie.
Abseits der Stände nimmt der Clown seine rote Nase ab. Jetzt ist er, beziehungsweise sie, Leonore Bildat. „Die Leute begegnen mir ganz und gar offen und glücklich“, sagt sie. „Ich hatte schon jede Menge schöner Begegnungen, auch mit Faschisten.“ Ein Clown erzeuge Offenheit. „Alle reden mit mir und ich schenke den Leuten ein kurzes Lachen, eine Erinnerung an Menschlichkeit und Fehlbarkeit.“
Manche Erlebnisse gingen tief, sagt sie, vor allem wenn sie die Nase wieder abnehme. Zum Beispiel als sie in Demmin, „hartes Pflaster, viele Jugendliche, die hart Alkohol getrunken haben“, einen Mann traf. „Der wollte was Lustiges erzählen. Und dann kam ein Judenwitz.“ Als Clown könne man dann einfach trotzdem Quatsch machen, weil der die harte Logik nicht verstehe. „Ich habe gefragt: ‚Was sind denn Juden eigentlich?‘ Und der sagte: ‚Eine Menschenrasse.‘“ Das nächste Mal werde sie ihm sagen: „Du, ich glaub, die ham’ dir das nie erzählt, aber das sind Menschen, die atmen wie du und ich.“
Als Clown könne sie einen Spiegel vorhalten, auch wenn ihr etwas eigentlich Angst mache.
Was bringen diese Momente, als Clown, beim Klönschnack, am Softeisbus? „Ich glaube schon, dass das kostbar ist“, sagt Leonore Bildat. „Dass wir zuhören. Dass wir echtes Interesse haben. Dass wir Kunst und Kultur anbieten, einen Moment zum Träumen und Wünschen. Aber der Bedarf ist riesig. Und morgen sind wir wieder weg.“ Unsere Gesellschaft sei einfach in einer riesengroßen Krise und gestehe es sich nicht ein.
„Das hier“, sagt sie, „ist der Tropfen in der Wüste.“
„Ohne den wir nicht leben können“, sagt Michael Steiger.
In Stahlbrode, am Ende des ersten Eisbustages, sind bis zum Abend vielleicht dreißig Leute gekommen, um sich, gern gegen Spende, ein Softeis schenken zu lassen. Die meisten haben sich für eine Waffel „Vanille/Schoko“ entschieden, sich an einen der Tische gesetzt und ein paar Worte gewechselt. Jemand hat Willkommensgrüße auf die Straße gemalt. Die Kinder haben sich im Weizenfeld versteckt, Blumensträuße mit Margeriten, Mohn- und Kornblumen gepflückt, auch noch ein zweites, drittes und viertes Eis gegessen. War es das schon? Kann man so einen Unterschied machen?
„Für mich hat sich alles heute schon gelohnt“, sagt Jule Sachs, die Eisbus-Initiatorin.
Nach dem vierten Eis
Eine Woche später erzählt sie am Telefon von einer weiteren Fahrt mit dem Eisbus: nach Dargun, auch so eine kleine Stadt im Hinterland. Besonders die Kinder und Jugendlichen haben Jule Sachs begeistert. Einer wünschte sich eine Sprayerwand und hat sich getraut, die Bürgermeisterin darauf anzusprechen. Alle seien an ihrer Stadt und dem, was dort passiert, interessiert gewesen. Ganz anders als das Bild, das man oft von Jugendlichen habe. „Mich hat der Tag auf jeden Fall bestärkt, dass es möglich ist, etwas zu verändern“, sagt sie. „Auch wenn jetzt schon klar ist, dass die Wahlergebnisse beschissen sein werden.“
Jule Sachs mit ihrem Softeisbus, Clown-Frau Leonore Bildat, Zivilgesellschaft-Urgestein Michael Steiger und Klönschnackerin Karen Wieprich verbinden mit „Zusammen bewegen“ noch eine weitere Hoffnung: Wenn die AfD im Herbst an die Regierung käme, oder – auch das eine Herausforderung – mit mehr als dreißig Prozent fast die einzige Opposition im Landtag bilden würde, dann werde ihre Initiative noch wichtiger als zuvor. „‚Zusammen bewegen‘ hat mich über die letzten Monate gerettet“, sagt Wieprich. „Ich denke, dass wir das Netzwerk auch nach der Landtagswahl brauchen werden.“ Jule Sachs plant schon fürs nächste Jahr. Sie möchte einen verlässlichen Fahrplan für den Eisbus.
Auf dem Marktplatz in Gnoien sitzt Leonore Bildat als Clown mit drei älteren Menschen um einen Tisch. Als sie erfährt, dass die drei eigentlich zu einer Plattdeutschveranstaltung wollten, stimmt sie „Dat du min Leevsten bist“ auf ihrer Ukulele an. Die drei strahlen und singen leise mit.
Langsam ist Feierabend. Die Hüpfburg liegt labberig auf dem Boden. Die Frau, mit deren Mann Karen Wieprich diskutiert hat, steckt ihren visualisierten Wunsch sorgfältig in ihre Tasche. Ihr Mann hat heute vermutlich zum ersten Mal seit langer Zeit keine sofortige Zustimmung für Vorurteile gegen Migranten gehört. Ihre Tochter hatte einen ganzen Nachmittag lang Spaß beim Hüpfen. Und ihr selbst hat ein Clown geholfen, ihren wichtigsten Wunsch zu erkennen.
„Zusammen bewegen“, diese zerstreute Initiative im großen MV, könnte ein Offenbarungseid sein. Oder eine Revolution. Wahrscheinlich ist es beides zugleich.
