Zack Polanski war mal Hypnotherapeut und Schauspieler, ist schwul, jüdisch, Veganer – und hat schiefe Zähne. Er trägt Secondhand: einen alten Uniqlo-Anzug, den er bei Vinted gekauft hat, und Kunstleder-Dr.-Martens. Geflogen ist er seit über einem Jahrzehnt nicht mehr, Auto fährt er ebenfalls nicht. Sein heimliches Laster sind vegane Jaffa Cakes. „Ja, die gibt es – und sie sind verdammt lecker“, sagt er.
Mit 43 ist der Vorsitzende der Grünen in England und Wales das Gegenteil eines klassischen Politikers. Mit seinem Versprechen, „Hoffnung wieder normal zu machen“, wirbelt er Westminster – das politische Zentrum Großbritanniens – kräftig durcheinander. Zack Polanski scheint in England das zu gelingen, wovon die deutschen Grünen gerade nur träumen können: Seit seiner Wahl im September 2025 hat seine Green Party die Liberalen überholt, liegt in einigen Umfragen gleichauf mit den Konservativen und kommt der regierenden Labour Party, den britischen Sozialdemokraten, gefährlich nahe. Unter jungen Menschen ist sie die beliebteste Partei. Während progressive Wähler sich zunehmend von Premierminister Keir Starmer abwenden, zählen die Grünen inzwischen mehr als 170.000 Mitglieder – deutlich mehr als die Tories. Fast vierzig Prozent der Labour-Wählenden von 2024 können sich laut Umfragen vorstellen, den Grünen ihre Stimme zu geben.
Polanski hofft, dass seine Idee eines linksökologischen Populismus ein Gegengewicht zu „Mr. Brexit“ Nigel Farage und dessen Partei Reform UK bilden kann, die sich als neue rechtspopulistische Kraft zunehmend in die britische Politik drängt. Fest steht: Polanski ist ein sehr guter Kommunikator. Einige vergleichen ihn bereits mit Zohran Mamdani, dem kürzlich gewählten demokratischen Bürgermeister von New York. Schon jetzt beschleunigt Polanski die Auflösung des traditionellen Parteiensystems.
Doch wird sein Versuch, die Politik für ein neues Zeitalter neu zu formen, am Ende durch eine vermeintliche Nähe zur alten radikalen Linken zunichtegemacht?
Zack Polanski nimmt sich Zeit für einen Spaziergang durch London, um auf diese Fragen einzugehen. Eine seiner Lieblingsrouten führt vom Café im Springfield Park in Clapton, Hackney – unweit seines Zuhauses im Osten der Stadt – bis zum Friedhof Abney Park in Stoke Newington. Gerade hat es aufgehört zu schneien, doch die Luft ist bitterkalt. Also bestellt er einen Earl Grey mit Hafermilch, zum Aufwärmen.
Der Grünen-Vorsitzende ist noch nicht einmal Abgeordneter im Unterhaus, dem Pendant zum Bundestag. Er sitzt lediglich in der London Assembly, dem Regionalparlament der Hauptstadt. Dennoch ist er überall präsent. Als Vertreter dessen, was er selbst „Substanz mit Clickbait“ nennt, veröffentlicht er zahlreiche Kurzvideos in den sozialen Medien: etwa wie er mit Wählern in Clacton spricht, dem Wahlkreis von Nigel Farage, oder wie er am Strand von Dover die Einwanderung verteidigt. In einem Video zitiert er, die Arme weit ausgebreitet, den afrokaribisch-britischen Schriftsteller Benjamin Zephaniah.
„Nigel Farage hat auf TikTok mehr Follower als alle anderen Abgeordneten zusammen“, sagt Polanski. „Videoinhalte sind das, was die Menschen erreicht.“ Sein Team traf sich mit dem Videofilmer von Mamdani. Polanski wurde nach New York eingeladen, um den neuen Bürgermeister zu treffen, lehnte jedoch ab, weil er dafür hätte fliegen müssen. „In Großbritannien reagieren die Menschen verständlicherweise skeptisch auf ein glatt produziertes Video, in das viel Geld geflossen ist“, sagt er. „Das Gute ist aber: Man braucht nicht viel Geld, um sympathisch zu sein. Man braucht nicht viel Geld, um Menschen zu erreichen oder authentisch zu wirken.“
Man kann seiner Meinung sein oder nicht – aber Polanski gibt sich nicht als jemand aus, der er nicht ist. Auf dem Weg durch den Park zeigt er eine für Politiker ungewöhnliche Bereitschaft, Fragen direkt zu beantworten. Möchte er, dass Großbritannien wieder der EU beitritt? „Ja.“ Würde er die Monarchie abschaffen? „Das hat keine Priorität, aber ich bin Republikaner – also für ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt.“
Auch beim Thema Einwanderung nimmt er kein Blatt vor den Mund. Die Pläne der Innenministerin Shabana Mahmood, den Asylstatus künftig nur noch befristet zu vergeben, seien „widerlich, extrem, unmenschlich und moralisch verwerflich“, sagt er. „Migration ist für dieses Land enorm wichtig.“ Die Menschen sorgten sich um den Mangel an Sozialwohnungen und über die Schwierigkeiten, einen Arzttermin zu bekommen. Sie hätten das Gefühl, das Land sei kaputt. „Sie haben jedes Recht, all das so zu empfinden“, sagt Polanski, „aber diese Probleme haben nichts mit Migranten zu tun. Das sind Probleme, die durch Multimillionäre und Milliardäre verursacht werden, und durch Politiker, die sich weigern, diese zu besteuern und in die Gemeinden zu investieren.“
Seit Jahren setzen sich die Grünen für erneuerbare Energien, Recycling und den Übergang zu Netto-Null-Emissionen ein, um die Klimakrise zu bekämpfen. Doch inzwischen sei die wachsende Ungleichheit das dringendste Problem, sagt Polanski. „Wir wollen eine Vermögenssteuer von einem Prozent auf Besitzwerte ab zehn Millionen Pfund und zwei Prozent ab einer Milliarde.“ Laut ihm würde diese jährliche Abgabe rund 14 Milliarden Pfund pro Jahr einbringen.
Er ist überzeugt, dass die Milliardäre, die ihr nahezu unvorstellbares Vermögen „horten“, es „nicht einmal bemerken würden“, wenn der Staat ihnen ein paar Millionen abnähme. „Ich spreche von Menschen, die im Schlaf mehr Geld verdienen als die meisten von uns in einem ganzen Leben“, sagt er. „Wenn man eine Million Minuten zurückgeht, landet man im Januar 2024. Geht man eine Milliarde Minuten zurück, befindet man sich im Römischen Reich. Das ist der Unterschied zwischen einer Million und einer Milliarde.“
Wie er herausfinden möchte, wie viel all die Jachten, Anwesen, Gemälde und Weinkeller wert sind? „Wir müssen mehr Geld in die britische Steuerbehörde investieren, damit wir eine ordentliche Bewertung der Vermögenswerte vornehmen können.“ Polanski bezweifelt, dass die Reichen dann einfach ins Ausland gehen würden. „Die Vorstellung, dass Menschen nicht mehr hier leben wollen, nur weil wir ihnen ein Prozent auf ihr Vermögen berechnen, unterschätzt dieses Land massiv. Und wenn jemand so unpatriotisch ist, dann ist es in Ordnung, wenn er geht.“
Auf der anderen Seite des Parks blickt er über die Hochhausblocks hinweg in Richtung Walthamstow und zum River Lea – eine Gegend, in der steigende Mieten und prekäre Jobs den Alltag vieler bestimmen. Ob die stärkere Betonung auf Umverteilung auch damit zu tun hat, dass für viele Wählerinnen und Wähler der Gedanke, den Planeten zu retten, wie ein Luxus wirkt, wenn sie kaum ihre Rechnungen bezahlen können?
„Soziale Gerechtigkeit ist Umweltgerechtigkeit“, sagt Polanski. „Im Moment geht es den Menschen darum, genug zu essen zu haben und ihre Wohnungen warm zu halten. Das heißt nicht, dass ihnen die Klimakrise egal ist. Aber ich glaube, sie wollen sicher sein, dass die fossilen Konzerne und die großen Unternehmen für den Übergang bezahlen.“
Statt die Steuern für Fluggesellschaften insgesamt zu erhöhen, setzt er auf eine sogenannte „Frequent Flyer Levy“, eine Abgabe für Vielflieger, die bedeuten würde, „dass ein Jahresurlaub für diejenigen, die nur einmal im Jahr fliegen, sogar günstiger wäre als jetzt“. Er unterstützt außerdem ein bedingungsloses Grundeinkommen, „damit jeder Mensch im Land einen Betrag erhält, der ohne Bedingungen ausbezahlt wird und Kosten wie Miete oder Lebensmittel deckt – also
sicherstellt, dass man genug zum Leben hat“.
Und wie Mamdani in New York spricht er sich für kostenlose Kinderbetreuung und Mietobergrenzen aus. „Mieter zahlen gerade völlig absurde Summen, und wir müssen das dringend begrenzen.“ All das wäre extrem teuer, aber Polanski beharrt darauf, dass man es durch „ein gerechteres Steuersystem“ finanzieren könne.
Auf dem weiteren Weg durch den Park peitscht ihm der Wind ins Gesicht. Polanski sagt, er würde „alles tun“, um eine Regierung unter Reform UK zu verhindern, tue sich jedoch damit schwer, Menschen zu ermutigen, taktisch für Labour zu stimmen. „Diese Partei war an einem Völkermord in Gaza mitschuldig und hat behinderte Menschen und Migranten ins Visier genommen“, sagt er. „Ich halte die Labour Party im Moment nicht mehr für einen Teil der Linken.“
Für eine mögliche Koalition stellt er schon einmal Bedingungen: eine Vermögenssteuer, Maßnahmen gegen die Klimakrise und ein Verhältniswahlrecht. Letzteres würde das britische Mehrheitswahlrecht ablösen, bei dem viele Stimmen wirkungslos bleiben, und kleinere Parteien wie die Green Party entsprechend ihrem Stimmenanteil ins Parlament bringen – wie nun in Wales, wo die Grünen in diesem Jahr vielleicht mit Mandaten rechnen können. Eine Zusammenarbeit mit dem Premierminister schließt er jedoch aus. Es gebe „absolut keinen Weg, wie ich Keir Starmer auch nur mit der Kneifzange anfassen würde“, sagt Polanski. „Er hat sich als völlig unzuverlässig und inkompetent erwiesen, und ich glaube, die Öffentlichkeit kann ihn deshalb nicht ausstehen.“
Polanskis politische Positionen klingen eher nach denen von Jeremy Corbyn und Zarah Sultana, die im Sommer die Your Party mitgegründet haben, eine neue Partei am linken Rand der britischen Politik. Würde er die früheren Labour-Politiker in seiner Partei willkommen heißen, falls ihre eigene zerbricht? „Ich mag sowohl Jeremy als auch Zarah – politisch wie persönlich“, antwortet er. „Jeder, der sich mit den Werten unserer Partei identifiziert, wäre mir als Mitglied willkommen.“ Zuletzt wurde der frühere Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle bei den Grünen aufgenommen. Die Richtung ist klar – doch ein Zustrom von Linken birgt auch Risiken für Polanski, wenn er zu extrem wirkt.
Sultana bezeichnete die Nato kürzlich als eine „imperialistische Kriegsmaschine“ und forderte den sofortigen Austritt des Vereinigten Königreichs. Polanski stimmt ihr zu. „Wir sollten eher bereit sein, auf eigenen Beinen zu stehen und Beziehungen zu unseren Nachbarn aufzubauen, statt unsere nationale Sicherheit an die Vereinigten Staaten auszulagern“, sagt er. „Wir müssen ein alternatives Bündnis schaffen, das auf Frieden und Diplomatie basiert.“
Was hielt er von Corbyns Behauptung, die Vorwürfe des Antisemitismus in der Labour Party seien übertrieben gewesen? „Es gab in der britischen Politik bisher nur fünf jüdische Personen in führenden Positionen. Und ich bin Nummer fünf. Deshalb nehme ich Antisemitismus sowohl politisch als auch persönlich sehr ernst – er betrifft mich.“

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Nun geht es die Oldhill Street hinunter, in der eine orthodoxe jüdische Gemeinde lebt. Männer in langen dunklen Mänteln, mit Schläfenlocken und breitkrempigen Hüten kommen Polanski entgegen. Er sagt, sein Glaube sei ihm „wichtig gemacht worden“, als er ein Kind war. „Ich bin auf eine jüdische Schule gegangen, habe jeden Tag eine Kippa getragen und hatte eine Bar Mizwa. Es war ein sehr traditionelles jüdisches Umfeld.“
Geboren als David Paulden in Salford, Greater Manchester, änderte Polanski mit 18 seinen Nachnamen und nahm den ursprünglichen Familiennamen wieder an. Er wuchs in dem Glauben auf, seine Großeltern hätten den Namen anglisiert, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. „Mit etwa 16 oder 17 fand ich heraus, dass sie ihn in Wahrheit geändert hatten, um dem Antisemitismus im Vereinigten Königreich zu entgehen. Damals hatten viele Familien das Gefühl, sich im Schatten verstecken zu müssen.“
Seine Entscheidung, auch seinen Vornamen in Zack zu ändern – nach dem Jungen im Kinderbuch „Goodnight Mister Tom“ –, war „komplizierter“. Er hatte ein schwieriges Verhältnis zu seinem Stiefvater, der ebenfalls David hieß. „Ich wollte kein Schatten eines Mannes sein, mit dem ich mich nicht besonders identifizieren konnte.“ Polanski war elf, als sich seine Eltern scheiden ließen. „Das war verheerend“, sagt er. „Ich erinnere mich an lange Fahrten zwischen einer Mutter im Norden Manchesters und einem Vater im Süden. Ich erinnere mich an viele organisatorische Schwierigkeiten und an viel Schmerz darüber, dass meine Eltern nicht mehr zusammen waren und sich nicht mehr lieben konnten.“
Sein Leben in der Schule war miserabel. „In meinen Teenagerjahren wurde ich sowohl dafür gemobbt, dass ich schwul war, als auch dafür, dass ich jüdisch war. Es war genau das, was viel zu vielen Kindern in diesem Land passiert: ausgegrenzt und schikaniert zu werden – verbal wie körperlich.“
Seinen Freunden sagte er „mit 14 oder 15“, dass er schwul ist – seinen Eltern erst Jahre später. „In der Schule wurde das Mobbing irgendwann so heftig, dass ich mir dachte: Wenn alle das ohnehin über mich denken, kann ich genauso gut dazu stehen“, sagt er. „Manchmal ist das Beste, was man tun kann, vollkommen unerschrocken und authentisch man selbst zu sein – klar, mutig und mit Freude daran. Manche werden das mögen, andere nicht, aber wenigstens bleibt man ehrlich.“
Polanski erzählt, dass er heute „täglich sowohl Antisemitismus als auch Homophobie“ erlebt – und zusätzlich Beleidigungen über seine Zähne. „Ich lasse das an mir abprallen und sehe es als Ausdruck von Menschen, die unzufrieden mit ihrem eigenen Leben sind und deshalb hasserfüllt reagieren“, sagt er. „Ich liebe mein Lächeln, und ich liebe es, schwul zu sein, und ich liebe es, jüdisch zu sein – also müssen sie sich etwas anderes einfallen lassen, um mich zu verletzen.“
Angekommen an der Stoke Newington High Street: Der bewaldete Abney-Park-Friedhof auf der anderen Straßenseite ist eine Oase der Ruhe mitten im Verkehrslärm. Hierher kommt Polanski, um den Kopf freizubekommen. „Als ich zum ersten Mal darüber nachdachte, für den Vorsitz der Green Party zu kandidieren, bin ich oft über diesen Friedhof spaziert. Er hat eine besondere Ruhe und Stille.“
Sein Partner Richie arbeitet als Physiotherapeut in einem Hospiz, der Tod ist für ihn nie weit weg. „Ihm verdanke ich unter anderem die Erkenntnis, dass, selbst wenn die politische Lage ziemlich düster ist, unsere Zeit auf der Erde kurz ist und wir jeden Moment genießen und unser Bestes geben sollten“, sagt Polanski.
Er hat keine Angst zu träumen. Glaubt er, dass Großbritannien bereit ist für einen schwulen Premierminister? „Ich würde es hoffen. Ich fände es ziemlich schlimm, wenn die Sexualität eines Menschen Einfluss darauf hat, ob jemand einen bestimmten Job bekommt.“
Der Text erschien zuerst im britischen Observer.
