atmo: Lieber Til, die Weltlage ist ernst. Ist Humor in Krisenzeiten ein Luxus?
Til Mette: Humor braucht man immer, egal wie die Weltlage aussieht. Humor ist ein Lebenselixier. Leute, die einen Sinn für Humor haben, hören ja nicht auf, ihrer Neigung nachzugehen. Das ist kein Konjunkturthema.
Du hast dreißig Jahre für den Stern gearbeitet, nun für atmo. Warum ist das eine schöne Pointe?
Ich habe schon immer Umweltthemen gezeichnet. Und als jemand, der mit der taz selbst mal ein Medium mitgegründet hat, weiß ich, was es heißt, so ein Print-Projekt auf die Beine zu stellen. Print ist für uns Zeichner das schönste Portal, aber entscheidend ist für mich das Publikum: Ich muss die Community mögen, an die ich mich richte. Und sie muss flexibel sein in ihrem Denken – keine Dogmatiker. Ich muss erwarten können, dass die Leute auch über sich selbst lachen können. Ich habe mich immer gern an ein linksliberales Publikum gewandt und es nach Kräften verarscht.

Was ist Dir an Ökothemen wichtig?
Schon dieses Wort: Öko. Der Sound davon ist mittlerweile irgendwie uncool. Mir geht es darum, das Umweltthema positiv zu besetzen: dass man Lust hat, sich darum zu kümmern, und dass es sinnvoll ist. Und da gehört Widersprüchlichkeit dazu. Ich bin zum Beispiel leidenschaftlicher Motorradfahrer. Ich finde alte Maschinen so was von geil – und die brauchen natürlich Sprit. Den Geruch von Benzin und Abgas finde ich bei diesen Dingern total toll. In meinem eigenen Leben gibt es also Vorlieben, die den größeren, hehren Zielen im Wege stehen. Aber so ist man halt. Und ich denke, viele Leute hadern mit diesen Widersprüchen. Das ist guter Stoff für Komik.
Wie wird daraus Humor?
Jemand, der einen hohen Anspruch hat und damit auf die Schnauze fällt – das ist die Fallhöhe, die eine gute Pointe macht. Beim Thema Umwelt entsteht die zum Beispiel, wenn Forderungen zu hart ins persönliche Leben eingreifen. Nehmen wir die Forderung, dass Autos aus den Städten verschwinden sollen. Aber nicht alle Leute sind eben nur Fahrradfahrer. Es gibt Fußgänger, Rollstuhlfahrer, solche, die aufs Auto angewiesen sind, alle mit eigenen Bedürfnissen. Und wenn ich mit meinem alten Hollandrad von Lastenrad-Muttis fast ins Gebüsch gedrängt werde, dann ist das ein Problem innerhalb der Fahrradszene. Und das hat auch was Komisches.
Ökobewusste gelten oft als humorlos oder verbittert. Trifft das zu?
Nein. Das Klischee passt auf alle möglichen Leute – auch auf religiöse etwa oder erzkonservative. Alle, die mit einer unglaublich strengen Überzeugung durch die Gegend laufen, sind schnell Zielscheibe.
Gibt es Personen, die Du bewusst nicht karikierst?
Billig finde ich, auf den jeweils krassesten Gegner draufzuschlagen. Die AfD oder irgendwelche Hardcore-Arschlöcher wie Trump zu bashen – das ist zu offensichtlich. Oder jemanden wie den langjährigen Welt-Herausgeber Ulf Poschardt aus dem Spektrum der libertären Hedonisten. Wie er sich als Gockel in Schale wirft und dann von Sportwagen schwärmt – da habe ich fast Mitleid mit dieser Pfeife. Man ist da schnell in dieser Agitprop-Zeichnerei: Jeder weiß, worum es geht, bla, bla, bla. Mich interessieren eher die Themen in unserer eigenen Szene.
Du hast Dir für atmo zum Auftakt das Thema Atomkraft ausgesucht. Warum?
Ich hatte lange nichts zu Atomkraft gezeichnet. Dann kam kürzlich die EU-Entscheidung, dass diese kleinen Atommeiler kommen sollen. Früher war unser Argument immer: „Was ist in 10.000 Jahren? Dann strahlt die Scheiße ja immer noch.“ Heute rechnet keiner mehr so weit voraus. Wir haben uns eigentlich schon darauf geeinigt, dass in 100 Jahren alles vorbei sein kann. Das ist nicht nur ein technisches Thema, das ist eine Verschiebung im Denken.
Was kann ein Cartoon, was journalistische Artikel nicht können?
Der Cartoon hat eine sinnliche Ebene. Er kann humorvoll die eigene Position infrage stellen. Mit satirischer Übertreibung das eigene Argument wieder zerlegen. Und er schafft eine emotionale Atmosphäre über den Strich. Die kann süßlich sein, bitter, dunkel, herzlich. Das geht ins Herz, ohne dass der Kopf sofort eine rationale Erklärung darüberlegt.
Wie gehst Du mit Themen um, bei denen einem echt nicht zum Lachen ist?
Als Donald Trump ankündigte, er werde eine ganze Zivilisation auslöschen, wenn die iranischen Mullahs nicht auf seine Deadline reagieren, wusste ich wirklich nicht, wie man darauf reagiert. Auf solche brutalen Bösartigkeiten. Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich glaube nicht an diese Endzeitstimmung. Und ich fordere für mich selber auch eine positive Grundhaltung ein, um überhaupt arbeits- und kommunikationsfähig zu bleiben.

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