7. Januar 2026, 21:27 Uhr
54°48’ S 68°18’ W
Es pfeift und heult im Hafen von Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens. Riesensturmvögel navigieren zwischen den klappernden Takelagen der Segelboote, es riecht nach Fisch und modernden Algen. Zwischen abgerockten Holzbooten und glänzenden Jachten liegt die Malizia Explorer, ein 26 Meter langes Forschungssegelschiff. Eine 13-köpfige Crew aus Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen und Kreativen, aus Seglerinnen und Seglern wird an diesem Tag Kurs auf die Antarktische Halbinsel nehmen, die wie ein Finger Richtung Südamerika zeigt. Sie wird in einem entlegenen Gebiet, das durch Erderhitzung, Fischerei und Tourismus zunehmend unter Druck steht, Daten sammeln und Eindrücke, um sie mit Menschen in aller Welt zu teilen.
Als über den Bergen von Ushuaia die Sonne untergeht, löst Seglerin Tamara Klink die Leinen: Daumen hoch für Kapitän Lucas Lanusse, das Schiff ist frei. Klink trommelt die Crew zur Bordeinweisung zusammen, zeigt Rettungswesten, die mit Karabinern und Ortungsgeräten ausgestattet sind. „Auf der Drakestraße kann man nicht einfach anhalten und jemanden aus dem Wasser fischen“, sagt sie. „Also immer festmachen und eine Hand am Boot haben!“
Tamara Klink: „Die Antarktis besteht aus Steinen, Eis – und Geschichten von Entdeckern, Walfängern und Forschern, die Elend und Not auf sich nahmen, um an diesen Ort zu gelangen. Heute haben wir Internet und GPS. Aber wir brauchen noch immer Wissen und Teamwork, um dort zu überleben.“
Es duftet nach Zwiebeln und Butter. Köchin Estefanía Picado hat Empanadas für die kommenden Tage zubereitet. Auf der Drakestraße wird sie die wankende Küche nicht betreten – jamás, sagt die Argentinierin: niemals. Hinter ihr steckt Léa Olivier den Kopf in einen Metallkasten mit Kabeln und Schläuchen – ein Minilabor, das unterwegs Temperatur, Sauerstoff- und Salzgehalt des Wassers unterm Kiel messen soll. Gerade hantiert die Ozeanografin mit Klebeband und schaut mit zusammengezogenen Brauen auf einen Bildschirm. In letzter Sekunde hat sie ein Leck in einem Schlauch entdeckt, das die Messwerte verfälscht, sich aber provisorisch flicken lässt. Die Expedition kann beginnen.
Léa Olivier: „Auf einem Segelboot muss ich meine Messinstrumente allein reparieren. Trotzdem erforsche ich den Südozean am liebsten auf diese Art. Als Ozeanografin weiß ich, wie es um unseren Planeten steht, und bin froh, meine Daten mit einem möglichst geringen CO2-Fußabdruck erheben zu können. Die großen Forschungsschiffe verbrauchen riesige Mengen Treibstoff. Für mich ist das ein Dilemma.“
Mit an Bord ist Luisa Neubauer. Anders als Klink und Olivier ist sie neu in diesen Breiten. Der bekannte Sportsegler Boris Herrmann hat das Schiff für seine Flotte umrüsten lassen, um die Segelwelt mit Forschenden und Aktivistinnen zusammenzubringen. Herrmann kennt die Naturgewalten des Planeten wie kaum ein anderer. Wie die Klimakrise den Ozean verändert, treibt ihn seit Jahren um, sein Team segelt unter dem Motto „Climate Action Now“. Neubauer will das Bewusstsein für Ozean-Klima-Zusammenhänge stärken und über Social Media und Webinare live von Bord berichten.
Luisa Neubauer: „Die Expedition ist in jeder Hinsicht jenseits meiner Komfortzone: Ich verstehe fast nichts vom Segeln und mir ist eigentlich immer kalt. Und ich bin auf einem Schiff mit Menschen, die über die Antarktis und die Ozeane viel mehr wissen als ich – das ist toll, aber neu für mich. Die Meere sind in der Klimadebatte bisher kaum präsent. Ich will einen Beitrag dazu leisten, das zu ändern.“
8. Januar 2026, 9:32 Uhr
55°13’ S 66°19’ W
Über Nacht gleitet die Malizia Explorer durch den Beagle-Kanal, der im Süden von Feuerland Atlantik und Pazifik verbindet. Kaum Wind, der Motor rattert. Köchin Picado drückt mit vielsagendem Blick jeder Person eine rosa Salatschüssel in die Hand. Als die letzten grasigen Hügel am Horizont verschwinden, beginnt das große Schaukeln.
Tamara Klink: „Die Drakestraße ist berüchtigt. Oft liegt ein Tiefdruckgebiet darüber, und zwischen Südamerika und Antarktis fließt der Zirkumpolarstrom, die schnellste Meeresströmung der Welt. Hinzu kommen unterseeische Gebirge – das ergibt eine wilde Kombination aus Wind und Wellen. Aber ich liebe die navigatorische Herausforderung.“

20:01 Uhr
55°31’ S 66°05’ W
Es knarzt und ächzt im Rumpf der Malizia Explorer, die von den Wellen in alle Richtungen geworfen wird. Fast alle an Bord verbringen den Tag mit ihren rosa Schüsseln. Die Koje wird nur im Notfall verlassen. Klink aber muss alle zwei bis vier Stunden zum Wachdienst an Deck. Als sie sich einen Keks aus der Kajüte holt, tastet sie sich vorwärts und öffnet die Augen nur kurz für den nächsten Griff.
Tamara Klink: „Schließt man die Augen, verwirrt das den Kopf weniger. Wird mir trotzdem schlecht, übergebe ich mich und
mache weiter. Wenn ich allein segle, habe ich auch keine Zeit für Seekrankheit.“

Dann abonniere unser Magazin gleich jetzt – gedruckt und als PDF.
9. Januar 2026, 17:29 Uhr
58°49’ S 65°05’ W
Dichter Nebel umgibt das Boot, die See ist ruhiger geworden. Olivier nutzt die Gelegenheit, um eine CTD-Rosette ins Wasser zu lassen, ein mit Sensoren ausgestattetes Forschungsgerät, das einem Raumschiff ähnelt. Sobald es im Wasser ist, eilt sie unter Deck, um es vom Computer aus zu bedienen.

Léa Olivier: „Der Ozean ist das Herz des Klimasystems. Er absorbiert fast ein Drittel der CO2-Emissionen und neunzig Prozent der zusätzlichen Wärme. Kein anderes Meeresgebiet ist dabei wichtiger als der Südozean. Winde und Strömungen wälzen das kalte Wasser um, sodass Kohlenstoff aus der Atmosphäre in die Tiefsee verfrachtet wird – zugleich gelangt Kohlenstoff aus der Tiefe nach oben. Mithilfe der CTD-Rosette erforsche ich in bis zu 400 Metern Tiefe die Wassermassen rund um die Antarktis. Salzgehalt und Temperatur ergeben einen Fingerabdruck: Ich erkenne daran, ob kohlenstoffreiches Wasser aus der Tiefe zur Meeresoberfläche gelangt. Durch stärkere Winde könnte das in Zukunft öfter passieren. Vielleicht geschieht das schon.“
11. Januar 2026, 13:25 Uhr
63°35’ S 63°25’ W
Als die Malizia Explorer die subantarktischen Shetlandinseln erreicht, taucht eine Gruppe schwarz-weißer Schwertwale zwischen den grauen Wellen auf und wieder ab. Sie sind schnell – vielleicht, um einen der Buckelwale zu jagen, die am Horizont immer wieder zu sehen sind.
Léa Olivier: „Orcas sind einfach fantastische Tiere – und sehr intelligente Räuber. In der Antarktis gibt es fünf sogenannte Ökotypen: Gruppen, die auf unterschiedliche Weise jagen, kommunizieren und miteinander umgehen. Es gibt also
innerhalb einer Art verschiedene Kulturen. Cool, oder?“
16:02 Uhr
63°57’ S 63°28’ W
Am Horizont: der erste Eisberg. Riesig, kantig, strahlend weiß.
Tamara Klink: „Wow! Wie der leuchtet! Und darüber der graue Himmel. Man sieht richtig den Albedo-Effekt, die Reflexion von Sonnenstrahlen ins All. Gletscher und Meereis kühlen so das globale Klima. Sie sind unsere Verbündeten im Klimaschutz. Das heißt aber auch: Schrumpft ihre Fläche, wird weniger Sonnenlicht reflektiert. Der Planet heizt sich noch schneller auf – und es wird noch mehr schmelzen.“
18:22 Uhr
64°00’ S 63°12’ W
Frostiger Regen beißt in die Gesichter, Pinguine beobachten von Eisschollen aus das Schiff. Klink steht am Steuer und navigiert mit regennasser Brille durch die zahlreicher werdenden Eisberge. Neubauer kommt unter das Verdeck, lässt sich auf eine Bank fallen und blickt auf den Ozean.

„Einfach krass. Ich könnte gerade weinen. Ich checke jetzt erst, dass wir wirklich in der Antarktis sind. Es ist nicht zu übersehen: Wir sind hier Gäste in einer fremden Welt.“
Luisa Neubauer
12. Januar 2026, 18:10 Uhr
64°49’ S 63°29’ W
Ankern in Port Lockroy, einer von dunklen Bergen und blendenden Gletschern umgebenen Bucht. Auf einer kleinen Insel eine ehemalige Walfangstation, die später von britischen Soldaten genutzt wurde und heute als Museum dient – samt Postamt. Der wohl touristischste Ort der Antarktis.
Die Malizia Explorer macht neben einem weiteren Forschungsegler fest, der „Why“. Taucherinnen und Taucher der französischen Initiative „Under the Pole“ suchen in der Gegend nach sogenannten Seetierwäldern. In Port Lockroy sind beide Schiffe zum Start einer gemeinsamen Meeresschutzkampagne verabredet.
Laut Antarktis-Vertrag stehen alle Gebiete südlich des 60. Breitengrades unter Schutz. Militärische Aktivitäten und der Abbau mineralischer Rohstoffe sind verboten, Fischerei aber ist erlaubt. Unweit von Port Lockroy sieben schwimmende Fischfabriken mit riesigen Schleppnetzen Krill aus dem Meer. Sie verarbeiten die fingerlangen Krebstiere oft noch an Bord zu Haustier- und Lachsfutter oder fragwürdigen Omega-3-Kapseln. Dabei ist fast das gesamte antarktische Nahrungsnetz samt Pinguinen und Meeressäugern direkt oder indirekt vom Krill abhängig, und immer wieder verenden Wale in den Netzen. Dennoch scheitert der Plan, das Gebiet um die Antarktische Halbinsel streng zu schützen, bisher am Widerstand weniger Staaten.
Der Plan beider Segelteams: Bisher unbekannte Ökosysteme und Veränderungen im Antarktischen Ozean dokumentieren – und damit neue Argumente für eine Schutzzone sammeln, die diesen Namen verdient.
Léa Olivier: „Zum Meeresschutz gehört immer auch der Klimaschutz: Krill etwa braucht sehr kaltes Wasser – und Meereis. Die Krebse fressen Eisalgen von dessen Unterseite und suchen dort Schutz. Doch seit etwa zehn Jahren schrumpft die Ausdehnung des Meereises auf immer neue Tiefststände. Lange schien die Antarktis dem Klimawandel zu trotzen, nun sehen wir dieses deutliche Signal. Pinguine, Wale und Robben leiden in krillarmen Jahren schon heute.“
23:32 Uhr
Ein Donnern erfüllt die Bucht, die noch kurz vor Mitternacht sonnendurchflutet ist. Ein SUV-großer Eisbrocken bricht aus der Gletscherwand. Das Meer schäumt. Der neu geborene Eisberg dreht sich um die eigene Achse, bis er seine Balance findet. Während die meisten an Bord der Malizia Explorer Schlaf nachholen, sitzt Neubauer an Deck und lauscht dem Kalben der Gletscher. Ein natürlicher Vorgang, der sich infolge der Erderhitzung beschleunigt.
Luisa Neubauer: „Ich versuche hier, die Sprache des Gletschers zu verstehen. Das Kalben kündigt sich Sekunden, Minuten, manchmal Stunden vorher an: Es donnert und rumst immer unterschiedlich. Es klingt wunderschön, wenn man vergisst, was dahintersteckt – und welche Konsequenzen es hat. Gletscher erzählen uns viel darüber, wie es der Welt geht. Schon verrückt: Wir bauen überall riesige Datenzentren, jeder hat diese großen Clouds, um irgendwelche Internetdaten zu sichern – aber wo speichern wir eigentlich unsere Klimastabilität, unser Trinkwasser und die Gesundheit des Ozeans und der Welt? Doch genau hier. In diesem Eis.
Guck mal, der Teil der Gletscherwand da ist ein Hund und küsst dort drüben einen Aal – siehst du das?“
2000 Kilometer südlich des Ankerplatzes liegt der Weltuntergangsgletscher. So nennen einige den riesigen Thwaites-Gletscher, der den dahinter liegenden Westantarktischen Eisschild stabilisiert. Fachleute warnen, dass warme Wassermassen bereits seine letzten auf dem Meer schwimmenden Ausläufer destabilisieren und zwischen den mächtigen Eisschild und das darunterliegende Felsbett dringen. Sie schließen den Kollaps der Westantarktis im kommenden, womöglich schon in diesem Jahrhundert nicht mehr aus – ein Klimakipppunkt mit globalen Folgen. Thwaites allein würde den Meeresspiegel um 65 Zentimeter, der ganze Westantarktische Eisschild um mehr als drei Meter steigen lassen. Wie schnell die Antarktis wie viel Eis verlieren wird, zählt derzeit zu den wichtigsten Fragen der Klimaforschung.
13. Januar 2026, 8:48 Uhr
Drei weitere Segelschiffe ankern in Port Lockroy. Am Eingang der Bucht ragt der Bug eines Kreuzfahrtschiffes hinter einem Eisberg hervor, Schlauchboote mit Touristinnen und Touristen rasen zu den Felsen mit Museum und Postamt. Rund 125.000 Menschen besuchen jährlich die Antarktis, Tendenz steigend. Eine Kreuzfahrt verursacht pro Person drei bis vier Tonnen CO2, Flüge nicht mitgerechnet.
Léa Olivier: „Wenn ich Leuten von meinen Forschungsreisen erzähle oder Pinguinbilder auf Instagram stelle, frage ich mich manchmal, ob das gut ist. Natürlich müssen wir über die Antarktis und das, was hier vorgeht, aufklären. Zugleich ist klar, dass viele Leute dieses Wunder mit eigenen Augen sehen wollen, wenn sie davon hören. Könnte es also sein, dass wir zu sehr auf die Antarktis aufmerksam machen? Ich meine, was, wenn Donald Trump von ihr erfährt?“
Luisa Neubauer: „Eine der größten Herausforderungen für uns Menschen wird sein, die Welt zu lieben und wertzuschätzen, ohne sie dabei kaputtzumachen und wegzukonsumieren. Ich hoffe, die Botschaft unserer Reise kann sein: Lasst uns diese Orte so sehr lieben, dass wir es aushalten, nicht hinzufahren. Ich hoffe sehr, dass wir eine aufrichtige, passive Sehnsucht nach ihnen entwickeln können – auch wenn wir das unglaubliche Privileg haben, jetzt hier zu sein.“
14. Januar 2026, 9:19 Uhr
Strahlend sitzt Neubauer an einem Tisch unterm Verdeck und umklammert einen Kaffee, der längst nicht mehr dampft. Gerade hat sie ihre erste digitale Schulstunde zur Antarktis gegeben – vor mehr als tausend Klassen in ganz Deutschland. Dreimal berichtet sie im „globalen Klassenzimmer“ von Bord der Malizia Explorer, teils mit Boris Herrmann, der sich aus Deutschland zuschaltet.
Luisa Neubauer: „Ich bin so glücklich – Zehntausende Kinder! Wie die an der Kamera geklebt und aufgeregt gezappelt haben!
Ich höre immer wieder von Lehrkräften, wie schwer es ist, übers Klima zu reden, ohne dass die Kinder verzweifeln. Und so ist die Idee entstanden, live aus dem Eis zu berichten und auch die Schönheit dieser Welt zu zeigen. Wir sollten im Klimadiskurs öfter auch Liebe und Neugier für die Welt wecken. Ich glaube, am meisten haben sich die Kinder für die Pinguine und das Leben auf dem Segelboot interessiert – und natürlich dafür, wie das mit der Seekrankheit und dem ganzen Kotzen ist.“
15. Januar 2026, 9:38 Uhr
Die Forschungstaucher von Under the Pole waren erfolgreich: In hundert Metern Tiefe haben sie ein üppig bewachsenes Gebiet gefunden. In den kommenden Tagen wollen sie den Seetierwald weiter erkunden. Olivier wird ihre CTD-Rosette einsetzen, um herauszufinden, bei welchen Konditionen die Tiere gedeihen. Erste Fotos zeigen leuchtend rote Schwämme und gelbliche verästelte Korallen.
Tamara Klink: „Dass es in der Antarktis unter Wasser so viele Farben gibt, kann man sich kaum vorstellen, wenn man die monochrome Landschaft über Wasser sieht.“
15. Januar 2026, 17:51 Uhr
64°50’ S 63°37’ W
An Bord der Why riecht es nach nassem Neopren. Sie liegt neben der Malizia Explorer unweit von Port Lockroy an ihrem neuen Forschungsplatz beim neu entdeckten Seetierwald. Korallenexperte Lorenzo Bramanti beugt sich über die Proben des Tages. Neubauer hilft ihm, die Tiere in Alkohol einzulegen und zu beschriften. Gerade betrachten sie eine orange leuchtende Weichkoralle unter dem Mikroskop.

Luisa Neubauer: „Das ist eine aufregende Schatzsuche gerade: zu wissen, dass wir vielleicht die ersten Leute sind, die sich diese Korallenart und das, was auf ihr lebt, angucken – und unter uns im Dunkeln dieser Wald voller Wunderwerke!“
16. Januar 2026, 18:42 Uhr
64°53’ S 63°34’ W
Meer und Horizont verschmelzen in hellem Orange, als sich nach einem weiteren Forschungstag ein Grollen in der Meerenge ausbreitet. Plötzlich beginnt das Meer zu atmen. An Backbord, Steuerbord, vor und hinter der Malizia Explorer erheben sich die massiven Schädel und Rücken von Buckelwalen – erst sechs, dann neun, nein, vierzehn. Ihre gewaltigen Atemstöße beenden die Stille. Fast synchron tauchen sie ab, lassen kreisförmig Luftblasen aufsteigen, stülpen ihre riesigen Mäuler um das eingeschlossene Getümmel. Es klingt, als würden die Riesen schmatzen, während sie durch ihre Mahlzeit pflügen. Zwei Wale schwimmen unter der Malizia Explorer hinweg. Jubel. Offene Münder.

Tamara Klink: „Man nennt das Blasennetzfischen: Die Wale erzeugen ein Netz aus Luftblasen um einen Schwarm Krill, schwimmen dann von unten hinein und fressen an der Oberfläche die zusammengetriebenen Krebse. Was für eine Show!
Ich habe in der Antarktis noch nie so viele Wale an einem Ort gesehen. Man merkt, dass sich die Bestände erholen.
Buckelwale waren fast ausgestorben – und jetzt das!“
17. Januar 2026, 17:40 Uhr
65°03’ S 63°55’ W
Blauer Himmel, Sonnenbrillen, gute Laune. Die Malizia Explorer steuert den „Eisbergfriedhof“ an, ein flaches Meeresgebiet im Norden des Wilhelm-Archipels, in dem Gletscherreste auf Grund laufen. Ein spektakulärer Anblick: Hunderte Eisberge – kantig, rund, ausgehöhlt, glatt – bilden eine bizarre Landschaft. Lanusse reckt seinen Kopf durchs offene Verdeck und lenkt mit dem Fuß. Neubauer steht am Bug und betrachtet abseits des Trubels die Szenerie.

„Ich muss erst mal realisieren, wovon wir gerade Zeuginnen werden. So oft habe ich darüber gesprochen, aber noch nie habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie der Meeresspiegelanstieg abläuft. Das macht mich wahnsinnig traurig – seltsamerweise noch verstärkt durch die Schönheit der schmelzenden Welt.“
Luisa Neubauer
18. Januar 2026, 13:32 Uhr
64°53’ S 63°34’ W
Der Außenborder dröhnt. Olivier lehnt über dem Rand des Schlauchbootes und zieht ein feines Netz mit Behälter daran durchs Wasser. Nach wenigen Minuten ist es voller bräunlichem Schleim. An Bord wird sie ihn verdünnen und unterm Mikroskop betrachten. Unzählige grüne und gelbbraune Miniatur-Kunstwerke – winzige Algen, die Basis des marinen Nahrungsnetzes. Solches Phytoplankton liefert die Hälfte des globalen Sauerstoffs und speichert Kohlenstoff, der in die Tiefe sinkt – ein wichtiger Klimapuffer.
Léa Olivier: „Fotos davon sende ich an Fachleute, die die Algen
bestimmen. Nicht alle sind gleich nahrhaft, und nicht alle verfrachten gleich viel Kohlenstoff in die Tiefe. Wir müssen herausfinden, ob sich die Algengemeinschaften durch den Klimawandel verändern und was das für Nahrungsnetz und Kohlenstoffspeicherfunktion bedeutet.“
25. Januar 2026, 12:53 Uhr
64°54’ S 62°51’ W
Seit Tagen liegen beide Schiffe in Paradise Bay bei einer argentinischen Forschungsstation. Mal fällt heftiger Regen, dann wieder Schnee. Vom Sturm über der offenen See ist hier kaum etwas zu spüren, doch an die Passage der Drakestraße ist nicht zu denken. Das Schiffsinnere ist vom Klackern der Tastaturen erfüllt und vom Duft des Kuchens, den Picado täglich backt. Die Gletscherwand am Ankerplatz erscheint mal blau und grau, mal grellweiß. Grau gefleckte Weddellrobben machen auf Eisschollen Nickerchen.
Luisa Neubauer: „Es ist unglaublich toll, den Elementen so ausgesetzt zu sein. Ich habe mich der Erde noch nie so nah gefühlt.“
28. Januar 2026, 12:00 Uhr
64°38’ S 62°32’ W
Abschiednehmen von der Why. Lanusse hofft, am nächsten Tag zurück nach Ushuaia segeln zu können.
Luisa Neubauer: „Ich würde gerne noch bleiben. Die Welt da draußen zieht mich gerade nur wenig an, und dieser wundervolle
Alien-Planet namens Antarktis hat mich in seinen Bann gezogen. Aber irgendwie freue ich mich schon auf die Drake. Das wird zum Abschluss noch mal abenteuerlich.“
29. Januar 2026, 15:04 Uhr
64°19’ S 62°55’ W
„Sobald wir die Bucht verlassen, wird es sehr hohe Wellen geben“, warnt Klink. Die Bedingungen seien nicht ideal, aber besser als in den vergangenen Tagen – und den kommenden. Köchin Picado verabschiedet sich in ihre Koje. Neubauer, Klink und Olivier deponieren die türkisfarbenen Festmacherleinen und Bojen ein letztes Mal in den Stauräumen, dann betrachten sie die vorbeiziehende Eiswand.
Ein Seebär schwimmt vorbei, dem Klink grinsend winkt. Der Gletscher wird kleiner, die Crew stiller. Dann verwandelt sich die See in eine Waschmaschine im Schleudergang.
