Tauchmaske und Schnorchel gelten am Ostseestrand als eher exotische Accessoires. Hier ist schließlich nicht die Südsee mit ihren Korallenriffen. Und auch nicht das Mittelmeer, wo sich zwischen Küstenfelsen bunte Fische tummeln. Die Uferzone unseres flachen Binnenmeeres hat außer feinem Sand, von den Wellen gerippelt und von Wattwürmern durchlöchert, kaum Interessantes zu bieten. Oder?
Eintauchen, abtauchen... Während der ersten Schwimmzüge meerwärts ist die Sicht tatsächlich unspektakulär: trübes Wasser, Algenreste, besagte Wurmlöcher im Sand. Doch dann verändert sich etwas. Dünne, hellgrüne Halme wachsen aus dem Meeresgrund, wiegen sich im Rhythmus der Strömung wie eine Wiese im Wind. Bald ist noch viel mehr zu entdecken: Stichlinge flirren umher, Krebse klettern auf und ab, Seenadeln spielen Verstecken, Schneckchen raspeln Algen von den Halmen. Darunter bewegt sich ein wunderschöner violetter Seestern. Wer sagte noch, an der Ostsee lohne sich keine Tauchmaske?
„Wenn man in die Seegraswiese taucht, ist das Licht ganz anders und alles ist in Bewegung“, schwärmt
Christian Lieberum vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar in Kiel. „Auch wenn man nur so hindurchtreibt und guckt, ist das schon toll!“ Weil diese grünen Oasen nicht nur für Schnorchlerinnen, sondern auch für unzählige Lebewesen, fürs Klima, für die menschlichen Küstenbewohner und für die Wasserqualität „toll“ sind, arbeitet der Meeresbiologe gemeinsam mit vielen anderen Forschenden, NGOs und Freiwilligen daran, dass das Seegras (Zostera marina) sich in der Ostsee wieder ausbreitet.
Es wäre eine grüne Unterwasserwende: In den vergangenen Jahrzehnten ist dieses Ökosystem hier um Zehntausende Hektar geschrumpft. Von den meisten Menschen unbemerkt – und doch mit erheblichen Folgen. Denn Seegraswiesen sind genau das Gegenteil von lästigen Algenteppichen: Sie sind Kläranlagen, Klimaschützer, Küstenbollwerk und Fisch-Kindergarten in einem.
Trüber Teufelskreis
Was ist passiert? Über Jahrzehnte wurde die Ostsee als Auffangbecken genutzt, für Abwässer, Düngemittel, industrielle Einleitungen. Das Seegras ging ein – langsam, aber sicher. „Das ist wie ein Teufelskreis“, erklärt der Seegrasexperte Per-Olav Moksnes, Meeresbiologe an der Universität Göteborg. Je trüber das Wasser wird, je mehr schleimige Fadenalgen wachsen, desto weniger Seegras und desto weniger große Raubfische gibt es. Und je weniger Seegras und große Fische, desto trüber und algiger wird das Wasser. Irgendwann etabliert sich ein neues Gleichgewicht – ärmer, instabiler, für Schnorchelnde längst nicht so attraktiv, aber scheinbar funktionierend. Wer das gesunde Ökosystem nicht kennt, hält das gestörte für normal.
Doch es geht auch andersrum. Ein Sommermittag 2025 an der Flensburger Förde, genauer: am Strand eines Naturschutzgebiets, wo das Wasser inzwischen wieder eine gute Qualität hat. Elf Frauen und Männer, im Naturschutz engagierte Freiwillige, haben sich gerade aus ihren Tauchermonturen herausgeschält; nun richten sich ihre Blicke auf Christian Lieberum, der ein paar dünne grüne Halme mit weißlichen Wurzeln in die Luft hält: „Das hier ist eine richtig gute Pflanze. Ihr müsst darauf achten, dass die Rhizome und die Wurzeln nicht zu lang sind, weil man sie sonst nicht ins Sediment reinkriegt.“

Die vielen Setzlinge, die vor Lieberum in Kühlboxen mit Seewasser lagern, haben die ehrenamtlichen Taucherinnen und Taucher am Vormittag vorsichtig aus einer intakten „Spenderwiese“ unweit der Küste gebuddelt. Nun folgt der zweite Schritt. „Ihr fasst jetzt immer fünfzig Pflanzen zu einem Bündel zusammen“, erklärt Lieberum. „Dann geht ihr ins Wasser, nehmt sie zwischen zwei Finger und drückt sie in den Meeresgrund. Das war’s eigentlich.“ Kurz darauf legt das Meeresgärtnerteam mit Schlauchbooten ab. Taucht in einer Bucht mit kahlem Grund in die Tiefe. Und pflanzt in mühsamer Handarbeit Halmbündel für Halmbündel ein, die Vorhut einer neuen Wiese: immer ein Bündel je sechs Quadratmeter.

Bisher haben Forschende, Freiwillige und NGOs in der deutschen Ostsee insgesamt etwa einen Hektar Seegraswiese neu angelegt. Rund 100.000 Pflanzen mussten dafür geerntet und wieder eingesetzt werden. Viel Arbeit, und die neue Wiesenfläche ist zunächst minimal. Und doch gilt jede neu entstandene Wiese als Erfolg – weil sie zeigt, dass der Mensch nicht nur zerstören, sondern auch reparieren, heilen kann: Wenn kein Sturm kommt, kein Anker schleift, keine Strömung das Sediment aufwühlt, breitet sich die neue Seegraswiese von alleine weiter aus.
Der Wert der Wasserwiesen
Der Aufwand für die Seegrasanpflanzung ist enorm. Aber er ist es wert, sagt Meeresbiologe Moksnes. In einer Studie, in der er gemeinsam mit dem Umweltökonomen Scott Cole den Verlust von Seegraswiesen in Zahlen zu fassen versucht, kommen sie für die Nordwestküste Schwedens auf einen durchschnittlichen Schaden von 1,5 Millionen Kronen je Hektar, rund 160.000 Euro. Das ist mehr als zehnmal so viel wie der durchschnittliche Wert eines Ackers in der Region. Die Begründung für diese hohe Summe: Seegraswiesen tun an einem unzugänglichen Ort Dinge, für die der Mensch sonst Technik, Energie und Geld einsetzen müsste. Sie binden Kohlenstoff, filtern Nährstoffe, stabilisieren den Meeresboden, schützen Küsten, bieten Lebensraum für Fische, Schnecken und andere marine Wesen.
Die Bindung von Kohlenstoff ist eine Leistung des Seegrases, auf die die Wissenschaft angesichts der Klimakrise zuletzt einen besonderen Fokus gerichtet hat. „Anders als in Wäldern, wo Laub und tote Bäume wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden, verrottet bei Seegraswiesen die Biomasse nicht, sondern sammelt sich in den dichten Wurzelmatten an und kann in die Höhe wachsen, ähnlich wie ein Hochmoor an Land“, erklärt Thorsten Reusch, Meeresbiologe am Geomar. Weltweit speichern Seegraswiesen auf diese Weise Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Wer sie zerstört, setzt den Kohlenstoff wieder frei – ein oft übersehener Beitrag zu den CO₂-Emissionen. Ein Hektar Seegraswiese kann laut Schätzungen jährlich ein bis zwei Tonnen Kohlenstoff binden.
Noch wichtiger als für den Klimaschutz, sagt Reusch, seien die Unterwasserwiesen für den Schutz der Meere und ihrer Bewohner. Am Boden zwischen den Büscheln gedeiht die sogenannte Innenfauna: Muscheln, Schnecken, Krebse und vieles mehr. Zwischen den Halmen laichen Heringe. Junge Dorsche und Plattfische finden gleichermaßen Nahrung und Schutz vor Fressfeinden.
Wertvolle Reinigungskräfte
Die vielleicht wertvollste Dienstleistung des Seegrases für die Ostsee, sagt Thorsten Reusch, sei eine, die kaum sichtbar ist und lange unterschätzt wurde: „Wir haben ausgerechnet, dass alle Seegrasbestände im schleswig-holsteinischen Küstenbereich ungefähr so viel Stickstoff binden wie die große Kläranlage in Bülk, die für etwa 450.000 Menschen ausgelegt ist.“ Seit Jahrzehnten gelangen an deutschen Küsten enorme Mengen Stickstoff und Phosphor, vor allem aus der Intensivlandwirtschaft, über Bäche und Flüsse in die Ostsee. Dort führt dieses Übermaß sogenannter Nährstoffe zu Algenblüten, Sauerstoffmangel, komplett toten
Zonen. Seegras kann all dem entgegenwirken. Es filtert die Nährstoffe aus dem Wasser, bindet sie im Sediment,
verbessert die Wasserqualität – eine kostenlose Unterwasser-Kläranlage.
Eine weitere Ökosystemdienstleistung, zunehmend wichtig in Zeiten mit heftigeren Stürmen und steigendem Meeresspiegel, ist der Küstenschutz. Gesundes Seegras stabilisiert den Meeresboden. Verhindert, dass die Strömung Sand umlagert. Dämpft Wellenenergie. Ohne Seegras werden Küsten anfälliger, Strände schmaler, Schutzbauten teurer.
Seegras kann bestenfalls sogar Menschenleben retten. Gesunde Wiesen halten Vibrionen in Schach – Bakterien, die in mehr als 21 Grad warmem Wasser florieren und in der aufgeheizten Ostsee zum Problem werden. Für Menschen mit angeschlagenem Immunsystem können sie sehr gefährlich werden, weil sie imstande sind, über kleinste Wunden wie Hautrisse in den Körper einzudringen und schwere Entzündungen auszulösen. Ohne rasche Antibiotikabehandlung kann es dann innerhalb weniger Tage zu einer tödlichen Sepsis kommen. Studien von Geomar an der indonesischen Küste haben gezeigt, dass die Vibrionenkonzentration in Meerwasser mit Seegraswiesen nur etwa halb so hoch ist wie im Wasser jenseits davon.
Es gibt also viele gute Gründe, den Boden der Ostsee wieder zu begrünen. Allerdings gibt es auch viele Hindernisse – darunter solche, mit denen man auch als Seegrasexperte nicht gerechnet hätte. Per-Olav Moksnes nennt ein Beispiel: „In Nordschweden haben wir fast einen ganzen Hektar mit 80.000 Seegrassetzlingen wiederbepflanzt. Aber nach drei Monaten war alles weg!“ Dabei seien die Umweltbedingungen perfekt gewesen. „Wir hatten nur nicht mit den Krabben gerechnet.“

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Die Gemeine Strandkrabbe (Carcinus maenas) hat sich in Schweden und Dänemark teilweise explosionsartig vermehrt. Als Grund dafür sieht Per-Olav Moksnes eine Verschiebung im Ökosystem: Eigentlich fördern Seegraswiesen den Dorschnachwuchs, hungrige Dorsche wiederum fressen viele Strandkrabben weg. Doch weil Dorsche in der überdüngten, überhitzten und überfischten Ostsee rar geworden sind, fehlt es an Fressfeinden für die Krebse. Sie vermehren sich ungebremst. „Aus irgendeinem Grund haben diese Krabbenmassen angefangen, das Seegras mit ihren Scheren abzuschneiden“, sagt Moksnes. Warum sie das tun, wisse er nicht. Er lacht etwas bitter: „Vielleicht sind sie einfach bösartig?“ Oder aber ihnen schmecken einfach die Seegraswurzeln – das lässt ein Video vermuten, das ein deutscher Taucher unlängst gefilmt hat.

Um der Schnibbelwut Herr zu werden und das Ökosystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen, hatten die schwedischen Forschenden Fischer beauftragt, Krabben zu fangen. Aber selbst nachdem 50.000 der Krebstiere in deren Netzen gelandet waren, verbesserte sich die Situation kaum. „Die sind so zahlreich, das hatte überhaupt keinen Effekt“, sagt Moksnes. Sein Resümee: „Wenn man ein Ökosystem verändert, können wirklich seltsame Dinge passieren!“
Behördenposse
Auch in deutschen Behörden geschehen bisweilen kuriose Dinge, die den Seegraswiesen das Leben schwer machen. So setzte die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes der Unterwasserbegrünung und dem Engagement Hunderter Freiwilliger in diesem Frühjahr ein jähes Ende, indem sie ein „Nutzungsentgelt“ für neu bepflanzte Meeresflächen ankündigte. Fünf- bis sechsstellige Beträge stehen im Raum. „Vollkommen absurd“ findet das Thorsten Reusch vom Geomar – zumal die
Anpflanzungen Teil des „Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz“ der Bundesregierung sind. Die Bundesministerien für Verkehr sowie für Umwelt sind eingeschaltet. Ob die Behördenposse noch vor Ende der Pflanzsaison im August ein Ende findet, ist, Stand Anfang Juli, unklar.
An Deutschlands Küsten scheint sich derweil Grundsätzliches zu verschieben. Vor allem ist das Wasser vielerorts trüber geworden, aus verschiedensten Gründen, vom Stickstoff bis zur Meereserwärmung. Im Wattenmeer der Nordsee betrügen die Sichtweiten teilweise nur noch zehn bis zwanzig Zentimeter, berichtet Reusch. Seegras kann dann schlicht nicht wachsen. An Orten mit klarerem Wasser ist das Wiederansiedeln von Seegraswiesen möglich – aber wenn sich die Umstände so grundlegend geändert haben, wird das Unterfangen noch aufwendiger und teurer. Allein das Abernten und Wiederanpflanzen kostet in der Ostsee pro Hektar sechsstellige Beträge. Dazu kommen Monitoring, Forschung, Fehlschläge.
Rechnet man diese Reparaturkosten hoch, addieren sich die Schäden, die Menschen in den Seegraswiesen der Welt angerichtet haben, zu einer dreistelligen Milliardensumme. Würde es sich nicht „nur“ um Natur handeln, sondern etwa um Straßen, Kraftwerke oder Datennetze, würde ein solcher Schadensfall wirtschaftliche und politische Erdbeben auslösen.
Immerhin, in der Wirtschaft setzt ein Umdenken ein. „Wir haben lange gedacht, dass die Natur unerschöpflich ist“, sagt Markus Müller, der sich bei der Deutschen Bank um nachhaltige Investments vor allem in den Meeren kümmert. „Wir waren uns nicht im Klaren über die planetaren Grenzen. Doch sie kommen jetzt immer näher.“ Weil das auch die Finanzwelt zu spüren bekommt, wird dort inzwischen diskutiert, ob sich Ökosystemleistungen wie die von Seegraswiesen mit einem monetären Wert versehen und handelbar machen lassen – über Biodiversitätszertifikate beispielsweise. Sie funktionieren, kurz gesagt, nach dem Prinzip: Wer die Natur schützt, bekommt dafür Geld. Müller befürwortet diesen Ansatz: Dadurch schaffe man Anreize für ihren Erhalt. Kritiker hingegen monieren, durch ein solches Preisschild würde Natur zur Handelsware degradiert.
Für die schwedische Küste zieht Per-Olav Moksnes ein positives Zwischenfazit. Durch die monetäre Bewertung von Ökosystemdienstleistungen, sagt er, prüften die Behörden Bauvorhaben in Seegrasgebieten nun strenger als zuvor und erteilten weniger Genehmigungen. Gerichte würden geschult, um bei Streitfällen neue Beurteilungsrichtlinien anzuwenden und größere Zusammenhänge zu sehen. Seegras sei kein blinder Fleck mehr, sondern ein Argument – für oder gegen eine Maßnahme. „Unsere Berechnungen haben geholfen, dass die Gesellschaft versteht, wie wichtig Seegras für das Ökosystem ist“, sagt Moksnes.
„Als ich vor mehr als dreißig Jahren anfing, wusste kaum jemand, was Seegras ist. Heute reagiert jeder, wenn man es erwähnt. Die einen sagen: Wie schön, hier ist Seegras – das Wasser ist sauber. Andere sagen: Mist, hier ist Seegras, dann kann ich meinen Steg nicht erweitern.“
Das Zentrale an der Inwertsetzung von Natur, sagt Per-Olav Moksnes, sei, dass Entscheidungsträger verstehen: „Da gibt es Kosten, da gibt es einen Wert. Ob sie sich am Ende an die genaue Zahl erinnern oder nur daran, dass es viel ist, spielt fast keine Rolle.“
Die Recherche für diesen Beitrag wurde unterstützt durch das „Journalismus-Lab Biodiversität 2025: Der Wert der Natur“ der Riff freie Medien gGmbH.
