Ein Mann, der auf seinem Social-Media-Kanal Rassismus, Sexismus und Klimalügen verbreitet, ist zugleich der reichste Mensch der Welt. Eine Wirtschaftsministerin kämpft so verbissen für Öl und Gas, dass es selbst ihren früheren Arbeitgebern aus der fossilen Industrie peinlich wird. Aus Stuttgart 21 wird Stuttgart 31. In Berlin erhält ein 28-Jähriger, der mit Tempo 98 einen Menschen totfuhr und floh, eine Bewährungsstrafe von 22 Monaten. Ein 65-jähriger Klimaaktivist, ebenfalls aus Berlin, der dort Straßen blockierte, bekommt ebenfalls 22 Monate. Allerdings im Knast. An Meldungen dieser Art herrscht kein Mangel. Doch das nagende Gefühl der Ohnmacht, das sich bei solchen Nachrichten einstellen könnte, ist womöglich nur ein Fehler in der Wahrnehmung. Jedenfalls, wenn man dem Geraune von rechts bis rechts draußen Glauben schenkt, das hierzulande einen erstaunlich großen Teil der medialen und politischen Debatten prägt.
Kaum ein Tag vergeht, an dem die Kubickis und Spahns, die Reichelts, Poschardts und Höckes nicht gegen die vermeintliche „Ökodiktatur“ polemisieren, in der linksgrüne Eliten und ihre Verbündeten die hiesige Industrie zerstören, Autofahrer drangsalieren und eine „Heizungs-Stasi“ durch deutsche Keller paradiert, um gebrechlichen Großmüttern die Ölheizungen herauszureißen. Gut, die „Heizungs-Stasi“ wurde jetzt schon länger nicht mehr im deutschen Untergrund gesehen. Wahrscheinlich organisiert sie sich in den Bio-Cafés unserer Universitätsstädte gerade neu, um demnächst als Solarterrorzellen fröhliche Auferstehung zu feiern und unsere Dächer zu verunstalten.

Das Bild der wirklichkeitsfremden Eliten, die aus ihrer grünen Wohlfühlblase heraus dem „einfachen Volk“ vorschreiben, wie es zu leben, denken, heizen, essen und zu sprechen hat, ist zum festen Bestandteil der politischen Debatte geworden. Das Umweltbundesamt legte 2024 einen Bericht vor, der solche „populistischen Narrative im Bereich der Umweltpolitik“ untersuchte. Der Titel: „Grüne Eliten gegen Volkswillen“. Die Analyse zeigt, wie wichtig die Propaganda gegen einzelne Klimaschutzmaßnahmen für die rechtsextreme Strategie ist. Dabei gehe es nicht um die Lösung umweltpolitischer Sachkonflikte, sondern um die Deutungshoheit über Wissenschaft und Wahrheit, um die Delegitimierung des demokratischen Staates sowie aller Stimmen, die sich gegen die rechte Weltsicht wenden. Der konstruierte Gegensatz zwischen dem „Volkswillen“ und dem „gesunden Menschenverstand“ auf der einen Seite und den vermeintlichen Allmachtsansprüchen der „Klimahysteriker“ auf der anderen gilt dabei als Sinnbild der angeblichen Spaltung in unserer Gesellschaft.
Diese Polarisierungsdebatte ist eng mit dem Aufstieg der digitalen Medienkommunikation verbunden. 2011, in der Frühzeit von Social Media, hatte der US-Internetaktivist Eli Pariser die Theorie einer digitalen „filter bubble“ vorgestellt: Die Algorithmen von Facebook, Google oder Yahoo würden sich an den vermuteten Meinungen der Nutzenden orientieren und nach kurzer Zeit sämtliche Information so filtern, dass niemand mehr mit anderen Sichtweisen als denen aus der eigenen politischen und sozialen Blase konfrontiert werde. Meinungsinseln entstünden, jeder konstruktive Diskurs auch in der realen Welt werde damit erschwert, lautete die These.
Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen widersprach dieser Idee einige Jahre später in seinem Buch über „Die große Gereiztheit“. Gerade die Gleichzeitigkeit des eigentlich Unvereinbaren präge unsere vernetzte Welt: „Alles wird prinzipiell allen gezeigt.“ Es sei deshalb kaum noch möglich, selig in der eigenen Wirklichkeitsblase zu verharren. Das große Durcheinander aus Breaking News und der Vielstimmigkeit von Social Media versetze die Menschen in ein Gefühl dauernder Anspannung, eine brutale Überforderung aller.
Suche nach Ordnung
In dieser sich „massenmedial selbst beobachtenden Publikumsdemokratie“, wie sie der Bremer Soziologe Nils C. Kumkar nennt, kann die Unterstellung einer tiefen Polarisierung im Land auch als Bewältigungsstrategie gelesen werden, als Versuch, im allgemeinen Durch-, Neben- und Gegeneinander so etwas wie eine Ordnung herzustellen. Hier die einen, da die anderen. Politik und Medien würden Konflikte überbetonen, weil diese die interessanteren Erzählungen böten. Entstanden sei dadurch ein „Polarisierungsparadox“, in dem die Menschen zwar gesamtgesellschaftlich eine allgemeine Polarisierung wahrnehmen würden, in ihren individuellen Meinungen untereinander aber viel weniger gespalten seien, als es scheint.
Trotz gefühlter Polarisierung gibt es große Schnittmengen
Der Aufstieg der Rechten wäre demnach nicht das Ergebnis einer tatsächlichen tiefen Spaltung im Land, sondern die Polarisierung Teil ihrer Strategie. Der AfD und ihren geistigen Verwandten sei es gelungen, die gesamte Aufmerksamkeit der politischen Kommunikation auf sich zu beziehen: Die gegen uns. Ein echtes Dilemma. Redet man ständig über ihre liebsten Themen wie Migration oder die vermeintliche Gängelung durch Linksgrün, verschiebt sich der Diskurs in ihre Richtung. Spricht man aber gerade nicht darüber, bestätigt sich das Bild einer linksgrünen „Meinungsdiktatur“. Tatsächlich ist das Narrativ von den „Ökospinnern“ und den ihnen verständnislos gegenüberstehenden „einfachen Leute“, die „andere Sorgen haben“, längst in Köpfe jenseits der äußersten Rechten eingesickert. Auch Kanzler Friedrich Merz schlägt in diese Kerbe, wenn er etwa von Klimaschützenden verlangt, sie mögen bitte „endlich in der Wirklichkeit ankommen“.
Dort sind sie längst. Während sich die derzeit tonangebende Rechte weder durch Fakten noch durch demokratische Entscheidungen beirren lässt, wie etwa ihr naiv-neurotisches Dauertremolo für die Reaktivierung abgeschalteter Atomkraftwerke zeigt, hat es die Gegenseite in einer immer komplexeren Wirklichkeit schwer. Umwelt- und Klimaschützenden liegt es eher, solidarische Lösungen auszuhandeln, als Dauerkonflikte zu inszenieren. Es entspricht ihrer ökologischen Weltsicht, die alles mit allem verbunden sieht. Und, übrigens, wie weltfremd kann jemand sein, der oder die angesichts von Klimakrise, Artensterben und dramatisch wachsender Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich, zwischen Generationen und Geschlechtern unmittelbaren Handlungsdruck empfindet?
Bis 2050 wird der Klimawandel Schäden in Höhe von fast zwanzig Prozent des globalen Bruttosozialprodukts verursachen, prognostizieren Forschende des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Eine unfassbare Schadenssumme – und sechsmal so viel wie wirksamer Klimaschutz kosten würde. Die Idee, ausgerechnet die „linksgrüne Bubble“ sei dafür verantwortlich, dass notwendige Veränderungen im Land nicht vorankämen, weil sie die „einfachen Menschen“ nicht „mitnehme“, entspricht einem bewährten propagandistischen Muster. Es verschleiert Machtverhältnisse und Interessen und individualisiert die Verantwortung. Geniale Werbestrategen aus der fossilen Industrie haben vor vielen Jahren die Idee eines „ökologischen Fußabdrucks“ ins öffentliche Bewusstsein gedrückt, der die Pflicht zum Kampf gegen den Klimawandel jedem Einzelnen auflud. Statt die fossilen Industrien politisch und wirtschaftlich einzudämmen und sie für die von ihnen verursachten Schäden zahlen zu lassen, sollte jede und jeder durch die Grammzählerei persönlich verursachter Emissionen schuldverzagt den eigenen Beitrag zur Klimakrise messen. „Wir müssen endlich aus unserer Blase heraus!“ ist das neue „Wir müssen auch an unseren persönlichen Beitrag denken!“. Ein Körnchen Wahrheit steckt drin, aber es bringt uns nicht wesentlich weiter.
Mehr Einigkeit als Trennendes
Vor einigen Wochen experimentierte die ARD mit einem neuen Gesprächsformat. „Was Deutschland verbindet“ führte 84 Menschen – stellvertretend für 84 Millionen Deutsche – zusammen, die ohne klassische Moderation ausgiebig über verschiedene Themen diskutierten. Ein bewusstes Anti-Polarisierungs-Format, obwohl die Meinungen und Perspektiven teils weit auseinanderlagen. Es war faszinierend zu beobachten, wie das gegenseitige Zuhören die Gespräche disziplinierte, ohne Meinungsunterschiede auszublenden.
Und wer wollte, konnte in den Diskussionen das heraushören, was Studien etwa des Weizenbaum-Instituts oder der Freien Universität Berlin seit Längerem zeigen: Es gibt, trotz Blasenmantra und gefühlter Polarisierung, große Werte-Schnittmengen in der Gesellschaft. So halten es 75 Prozent der Deutschen für wichtig, sich gegen Hass und Hetze einzusetzen. 83 Prozent fordern respektvollen Umgang auch und gerade online. Dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung zufolge wünschen sich neun von zehn Befragten gezielte Investitionen in Gesundheit, Pflege und Bildung, acht von zehn fordern das für Straßen und Brücken, für Bahninfrastruktur und öffentlichen Nahverkehr.
Stabile Mehrheiten finden sich auch für verstärkten Klimaschutz, gar überwältigende für das Wohl von Tieren und den Erhalt natürlicher Lebensräume. Das Metathema Gerechtigkeit – etwa die gleiche Besteuerung von Einkommen aus Arbeit und Kapitalerträgen, die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, eine Rentenversicherung, in die auch Beamte und Selbstständige einzahlen, der Kampf gegen Steuerflucht – schafft in Umfragen teils Achtzig-Prozent-plus-Mehrheiten, sogar unter AfD-Wählenden. Doch kaum etwas von diesem, dem echten „Volkswillen“ findet sich in den ritualisierten Politdebatten wieder, die wir gemeinhin erleben.
Gerade beim Klima- und Umweltschutz ergeben Befragungen regelmäßig, dass die individuelle Zustimmung der Deutschen deutlich höher liegt als die vermutete Zustimmung der anderen. Erst im Juni belegte eine Studie der Ruhruniversität Bochum und der Leuphana Universität Lüneburg, wie dramatisch Politikerinnen und Politiker die Akzeptanz für strengere Klimaschutzgesetze unterschätzen, bis hin zur Bereitschaft für persönliche Opfer.
Diese Diskrepanz prägt auch die großen Narrative der wichtigsten Medien. In der ersten Hälfte des Jahres begann kaum eine Tagesschau oder Heute-Sendung ohne einen bangen Blick auf die Benzinpreisentwicklung. Dass fossile Energieträger auch sparsamer eingesetzt werden könnten, etwa durch ein Tempolimit auf Landstraßen und Autobahnen, wurde hingegen nicht thematisiert. Bloß keine Verzichtsdebatte. Eine Schieflage, typisch für den Umgang mit der Klimakrise.
Mineralölkonzerne werden dann kritisiert, wenn sie erkennbar Geschäfte auf dem Rücken der Autofahrenden machen. Doch wenn die Klimakrise mal wieder in Form von Hitzewellen, Waldbränden oder Überflutungen wütet, finden fossile Industrien in den Nachrichten gar nicht erst statt, obwohl sie mit diesen Katastrophen mindestens so viel zu tun haben wie mit dem Benzinpreis. Wo bleibt die linksgrüne Blase, die angeblich die Medien beherrscht, wenn sie mal wirklich gebraucht wird?
Wenn es also überhaupt so etwas wie eine Bubble gibt, dann eher jene, welche die massiven wirtschaftlichen Interessen hinter den Narrativen der Rechten umhüllt. Diese Blase endlich platzen zu lassen, wäre ein lohnendes Ziel.




