Im Hitzesommer 2026 zeigte sich Deutschland einfallsreich: Wochenlang keine Wolke am Himmel? Dann stellen wir Sonnencreme-Spender auf, an Ostsee-Stränden, Flussufern und in Freibädern. Im Rhein fließt kaum mehr Wasser? Dann vertieft man eben die Fahrrinnen, so forderte es jedenfalls der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger. Auch als mancherorts die heilige deutsche Autobahn aufplatzte, war schnell eine Lösung gefunden: Streufahrzeuge besprühten die Fahrbahnen mit ohnehin knappem Wasser.
Menschen, Umwelt und Wirtschaft litten unter dem Extremsommer – und unter den oft hilflos wirkenden Reaktionen. Zwischen 36 und 42 Milliarden Euro gesamtwirtschaftliche Kosten verursachte der Sommer 2026 allein in Deutschland, so eine erste Schätzung der NGO Greenpeace. Nicht nur wegen der sichtbaren Schäden auf Äckern und in Wäldern, an Straßen und Schienen oder durch das Niedrigwasser in Flüssen, sondern vor allem, weil die Hitze den Menschen so sehr zusetzte, dass sie schlechter als sonst oder gar nicht arbeiten konnten.
Deutlicher denn je bekamen deutsche Unternehmen zu spüren, wovor Ökonominnen und Klimaforscher seit Jahrzehnten warnen: Die Klimakrise bedroht die wirtschaftliche Stabilität und die Geschäftsgrundlage ganzer Branchen. Gerade deshalb wirkten die Versuche der Politik, das Offensichtliche zu ignorieren, so absurd. Als könnte die Vertiefung von Fahrrinnen das Problem lösen.

Gleichzeitig ist von der ambitionierten Klimapolitik der vergangenen Jahre nicht viel geblieben: Industrieverbände gingen so massiv gegen den Green Deal vor, dass die EU ihre umfassenden Pläne für Klimaschutz und Nachhaltigkeit deutlich abschwächte. Neue Verbrenner-Autos wird man in der EU voraussichtlich auch nach 2035 kaufen können. Das Handelssystem mit Emissionszertifikaten wird wohl nicht im geplanten Tempo fortgesetzt, sodass Unternehmen länger Zeit bleibt, sich klimafreundlicher aufzustellen. Bevor Jens Spahn als CDU-Fraktionschef aus dem Amt schied, triumphierte er, weil er dafür gesorgt hatte, dass Deutsche weiterhin fossile Heizungen einbauen dürfen. Und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die aus der Gasbranche kommt, will in großem Stil neue Gaskraftwerke bauen.
Doch die Wirtschaft ist heterogen. Die Blockierer, die gegen Klimapolitik vorgehen, machen nur einen – wenn auch einflussreichen – Teil aus. Viele Unternehmen haben sich längst für den Weg in eine nachhaltigere Zukunft entschieden. Eine breite Koalition aus Pragmatikern und Realistinnen, Pionierinnen und Überzeugungstätern bringt die grüne Transformation weiter voran. Die Idee, dass eine weisere Wirtschaft möglich ist, gehört bei ihnen zum Geschäftsmodell. Was treibt sie an? Welche Hindernisse müssen sie überwinden?
Die Vorrausschauenden
Ende 2025 beschwerten sich Konzerne bei der deutschen Bundesregierung über deren Klimapolitik – im Gegensatz zu anderen forderten sie allerdings keine Abschwächung, sondern eine mutigere Vision. Unter dem Dach der Stiftung Klimawirtschaft warnten die Absender, der Klimawandel schreite „in rasantem Tempo“ voran und bedrohe „auch in Europa zunehmend Wohlstand und Lebensgrundlagen der Menschen – und damit die Basis unserer Wirtschaft“. Zu den Unterzeichnern gehörten auch energieintensive Unternehmen wie Wacker Chemie, der Baukonzern Strabag und der Stahlproduzent Salzgitter. Ihr Horizont reicht offenbar weiter als bis zum nächsten Quartalsbericht.
„Wer heute in klimafreundliche Technologien, erneuerbare Energien oder neue Produktionsverfahren investiert, ist auf Planungssicherheit angewiesen“, sagt Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Viele Unternehmen fordern nicht weniger Regulierung, sondern vor allem bessere“, sagt sie. „Klare, verlässliche und langfristige Regeln statt ständiger Kurswechsel.“
Die Unternehmen, von denen der Appell „Für einen zukunftsfähigen Wirtschaftsstandort Deutschland“ ausging, haben bereits massiv in Energieeffizienz und Nachhaltigkeit investiert, wie sie schreiben. „Wir haben so die Grundlagen für die Geschäftsmodelle der Zukunft gelegt und wollen diesen Weg weiter beschreiten.“ Solange es wie geplant stetig teurer wird, CO2 auszustoßen, liegen die fortschrittlichen Unternehmen auch vorn. Steigt der Preis jedoch nicht oder sinkt er sogar wieder, fallen sie womöglich hinter die fossilen Verzögerer zurück. Deshalb kämpfen die Vorausschauenden dafür, dass die vereinbarten Spielregeln bestehen bleiben.
Der Stahlhersteller Salzgitter etwa arbeitet weiter unter Druck an seiner Transformation, trotz unklarer Rahmenbedingungen (siehe Seite 20). Und weil auch andere trotz aller Unsicherheit weiter investieren, entstehen derzeit ganz neue Märkte für klimafreundliche Produkte und Technik.
Die Pragmatischen
Unter dem Titel „Welcome to electrotech“ erschien am 17. Juli 2026 eine ganzseitige Anzeige in der Financial Times. „Sonnenlicht reist 93 Millionen Meilen, um die Erde zu erreichen, keine davon führt durch die Straße von Hormus“, hieß es darin. Dieses Licht könne nicht an Rohstoffmärkten gehandelt, von Preisschocks erschüttert oder mit Zöllen belegt werden. Hinter dem Appell stand eine breite Koalition aus Non-Profit-Organisationen, kleinen Firmen und großen Konzernen.
Lange galten erneuerbare Energien als unzuverlässig, weil die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer weht. Jetzt, da ihre Speicherung besser möglich ist und die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffimporten sich durch die Kriege in der Ukraine und im Iran erneut als äußerst riskant erweist, versprechen sie: Sicherheit. Die Kombination aus vor Ort erzeugten Erneuerbaren, Batterien, Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen und intelligenten Stromnetzen biete einen Weg aus der Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten und der damit verbundenen Verletzlichkeit, hieß es in dem Aufruf für eine elektrisierende Zukunft. Wenn die neue Technik erst einmal installiert sei, stelle sie für Jahrzehnte eine stabile Energieversorgung sicher, und zwar zu Preisen, die sich kontrollieren lassen.
Das Wort „Klima“ kommt in dem Text gar nicht vor, er argumentiert mit Versorgungssicherheit. Und Sicherheit ist in der Wirtschaft entscheidend, weil Unternehmen auf ihrer eingeschlagenen Route eben möglichst wenige böse Überraschungen erleben wollen. Viele handeln längst so, wie es der Appell fordert, und stellen etwa ihre Fuhrparks um.
Auf dem Sustainability Summit, der im Juni in Hamburg stattfand, beschrieb Guido Wübben, Nachhaltigkeitsmanager beim Logistikanbieter DHL, einen Wendepunkt. Die eigene Flotte für die Auslieferung von Paketen stelle man bereits auf E-Antrieb um, für weitere Fahrten seien fünfzig E-Lkw im Einsatz. Aber für manche Transporte müsse DHL Speditionen beauftragen. Und die von E-Antrieben zu überzeugen, sei bislang gar nicht so einfach gewesen. Jetzt aber sitze der Schreck über den Anstieg der Dieselpreise tief. Hinzu komme, dass Elektro-Lkw inzwischen mit einer Akkuladung etwa 600 Kilometer weit fahren können. „Die Technik ist da, und der Moment ist da“, sagte Wübben. Sein Unternehmen, einer der größten Logistikkonzerne der Welt, bringt jetzt Speditionen und Lkw-Hersteller miteinander ins Gespräch.
Auch die Industrie hat in den vergangenen Jahren ihre Abhängigkeit von importierten Rohstoffen schmerzhaft zu spüren bekommen. Metalle etwa, die Firmen für die Produktion brauchen, waren plötzlich viel teurer oder wurden gar nicht geliefert, etwa weil China Exportstopps verhängt hatte.
Susanne Kadner sieht darin eine Chance – für die Kreislaufwirtschaft, die ebenfalls hilft, die Klimaziele zu erreichen. Kadner ist Co-Gründerin der Initiative Circular Republic, die zur Unternehmer-TUM der TU München gehört und Firmen auf dem Weg zu einem geringeren Ressourcenverbrauch begleitet. „Für viele ist die aktuelle Lage ein Anreiz, sich mit zirkulären Maßnahmen zu beschäftigen“, sagt sie.
Aus der Not heraus bemühen sich Unternehmen, ihre eigenen Produkte, die schon auf dem Markt sind, nach der Nutzung zurückzuholen, damit sie Komponenten daraus weiterverwenden und Material recyceln können. Selbst wenn es ihnen in erster Linie darum geht, sich aus ökonomischem Kalkül weniger abhängig von Rohstoffen zu machen, senken sie nebenbei den Ressourcenverbrauch und sparen beträchtliche Mengen CO2 ein.
Stefan Schaltegger, der an der Leuphana Universität in Lüneburg das Centre for Sustainability Management gegründet hat, geht seit Jahrzehnten der Frage nach: „Was bringt Unternehmen dazu, sich nachhaltiger aufzustellen?“ Die Antwort, kurz gefasst: Es muss ihnen selbst etwas bringen. Schaltegger hält es für besonders vielversprechend, wenn das Geschäftsmodell sowohl der Umwelt dient als auch Geld bringt. Rügenwalder Mühle etwa begann nicht aus Überzeugung, vegetarische Fleischalternativen zu entwickeln, sondern weil die Leute weniger konventionelle Frikadellen kauften.
Aber auch wenn die Veränderung schon angeschoben ist, braucht es noch eine Menge Durchhaltevermögen. „Viele geben zu schnell auf“, sagt Schaltegger. „Manchmal kennen sie die naheliegenden Lösungen einfach nicht.“ Angenommen, ein Unternehmen will mit Fotovoltaik selbst Strom erzeugen. Die überschüssige Energie will es ins Netz einspeisen, doch das scheitert am Betreiber. „Statt aufzugeben, könnte das Unternehmen Batteriespeicher installieren oder sich mit anderen in Energiegemeinschaften zusammenschließen“, sagt Schaltegger. Lösungen gebe es durchaus, nur müssten die Firmen erst einmal davon erfahren.
Die frühen Wilden
Es muss eine irre Zeit gewesen sein, als in den Siebziger- und Achtzigerjahren Bastler begannen, mit Teilen vom Schrottplatz und großem Erfindergeist Windräder zu bauen. Von den Energiekonzernen wurden sie als Spinner belächelt. Doch die Hippie-Ingenieure ließen sich nicht beirren, aus manchen Pionierfirmen wurden weltweit agierende Windkraft-Unternehmen.
Wichtige Impulse gingen immer schon von den Vordenkerinnen und Vordenkern einer anderen Wirtschaft aus. Ökobauern wie die des Bioland-Verbands in Schwaben zeigten schon in den Siebzigerjahren, dass sich Möhren und Getreide sowohl mit Rücksicht auf Böden und Artenvielfalt als auch im großen Stil anbauen lassen. Die Firma Dennree aus Moosach bei München vermarktete die Produkte als Großhändler. So stießen die aktivistischen Unternehmer eine breite Bewegung an – heute haben die meisten Supermarktketten und Drogerien eigene Bio-Marken im Sortiment. Über etliche Waren lassen sich ähnliche Geschichten erzählen, von Müsli bis zu Reinigungsmitteln.
Viele solcher Pioniere haben sich im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft zusammengeschlossen, in dem auch atmo Mitglied ist: Die Elektrizitätswerke Schönau entstanden im Schwarzwald nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 – zunächst als Bürgerinitiative, heute sind sie eine Genossenschaft für Ökostrom. Das Unternehmen Vaude stellt seit 1974 Outdoorkleidung her und zeigt in einer eigenen Akademie anderen Firmen, wie man nachhaltig produziert.
„Gerade die frühen Mitglieder sind ganz starke Überzeugungstäter, die immer einen Meter extra gegangen sind“, sagt Konstantin Litke, Leiter Politik und Kommunikation bei dem Verband. „Sie wollten einfach zeigen, dass es besser geht.“
Andere sahen dabei aufmerksam zu. Konventionelle Unternehmen lernten, was bei der alternativen Konkurrenz funktionierte und was nicht. Auch wenn nicht alle Vorreiter durchhielten, waren sie es, die mit ihrer Experimentierfreude grünen Geschäftsmodellen den Weg von der Nische in den Mainstream bereiteten. „Entscheidend ist“, sagt Claudia Kemfert: „Die grüne Transformation wird längst nicht mehr nur von Umweltpionieren getragen, sondern zunehmend von Unternehmen, die ihre Zukunftsfähigkeit sichern wollen.“
„Wenn Sie 2025 kein E-Mobil für unter 20.000 Euro anbieten, dann werden Sie im Markt scheitern.“
Robert Habeck im Jahr 2019 zu Herbert Diess (VW)
Kurzfristig mögen fossile Konzerne Erfolg damit haben, Klimaregulierungen auszuhebeln und überfällige Veränderungen zu verschleppen – nicht aber langfristig. Das zeigt auf tragische Weise die Geschichte der deutschen Autoindustrie: Über Jahre wehrte sie sich massiv gegen den Wandel hin zur E-Mobilität. Die europäische Politik, der eine klare Vision fehlte, nahm falsche Rücksicht und ließ die Konzerne auf dem eingetretenen Pfad weiterlaufen. Jetzt zeigt sich: Wer verzögert, wird abgehängt. Eine Kurzchronik.
Juni 2019: Robert Habeck, der damalige Co-Vorsitzende der Grünen, sagt in einem gemeinsamen Interview zu Herbert Diess, dem damaligen Volkswagen-Chef: „Wenn Sie 2025 kein E-Mobil für unter 20.000 Euro anbieten, dann werden Sie – so fürchte ich – im Markt scheitern.“
März 2025: VW gibt bekannt, für 2027 ein reines E-Auto für 20.000 Euro zu planen. Bislang hat es keines im Sortiment.
Mai 2025: Der chinesische Automobilkonzern BYD bringt das Modell Dolphin Surf für rund 20.000 Euro auf den deutschen Markt.
Dezember 2025: Die EU-Kommission schlägt auf Druck der Autoindustrie vor, das Verbrenner-Aus für 2035 zu lockern.
Juni 2026: VW plant, weltweit bis zu 100.000 Stellen abzubauen.




