Herr Kellermann, haben Sie einen Lieblings-Klimafilm?
Da nenne ich gern zwei. Adam McKays „Don’t Look Up“ mit Jennifer Lawrence und Leonardo DiCaprio finde ich stark, weil er zeigt, warum Politik, Medien, Wirtschaft und weite Teile der Bevölkerung nicht angemessen auf einen bevorstehenden Meteoriteneinschlag reagieren. Es geht um Ignoranz, Machtinteressen und die Fokussierung auf kurzfristige Sensationen. Genau deswegen tun wir heute so wenig gegen die Klimakrise – und der Film erzählt das als Satire grandios.
Und der zweite?
„Micha denkt groß“ mit Charly Hübner. Da geht einem Dorf in Sachsen-Anhalt das Wasser aus. Am Ende ist das Problem nicht gelöst, die Leute sitzen auf dem Trockenen. Aber sie haben kapiert, dass sie das Problem nur gemeinsam lösen können. Kein Happy End und trotzdem eine positive Botschaft – das muss man erst mal hinkriegen.
Sie schreiben, dass kaum Filme die Klimakrise behandeln. Was macht der Rest?
Die zeigen eine Welt, in der es keine Klimakrise gibt. Fiktion ist dabei nicht neutral: Die meisten Filme und Serien reproduzieren fossile Narrative und stellen klimaschädliche Lebensstile als normal und erstrebenswert dar.
Woran denken Sie da?
Sozialer Status drückt sich über Konsum aus: die erfolgreiche Figur mit dem großen Haus, dem dicken Auto, der Flugreise. Dazu zählen selbst Figuren, die eigentlich wenig Geld haben, aber in großen Wohnungen in teuren Städten leben. Das sind klimarelevante blinde Flecken. Erzählerisch macht das sogar Sinn: Wenn ich eine wohlhabende Figur zeige, die in einem kleinen Haus lebt und nur Fahrrad fährt, komme ich in Erklärungsnot. Das Klischee ist einfacher zu bedienen.
In kaum einem Klimafilm gibt es einen Bösewicht. Warum?
Diese seltene Gattung nenne ich „Wutstory“, Geschichten, die Ursachen und Verantwortliche benennen. Davon brauchen wir viel mehr. Es sind wenige Konzerne und konkrete Menschen, die Entscheidungen treffen – die der Klimaforscher Michael E. Mann als „Inaktivisten“ bezeichnet.
Die wissen sehr wohl, was der Klimawandel bedeutet, und streuen trotzdem Desinformation, um den Status quo zu erhalten. Das muss viel stärker benannt werden. Ein Beispiel wäre „Okja“ des Koreaners Bong Joon-ho, der von den Lügenkampagnen der Fleischindustrie handelt.
Warum dominiert in Hollywood der Untergang – von „The Day After Tomorrow“ bis „Mad Max“?
Bei „Mad Max“ ist alles am Arsch – und worum kämpfen die Menschen? Um Benzin. Selbst in der Dystopie geht es ums Weiter-so. Das Gegenteil, die Utopie, ist extrem schwer zu erzählen. Es fällt uns viel leichter, uns den Zusammenbruch vorzustellen als den Weg in eine ideale Zukunft.
Wenn Sie einen Freifahrtschein hätten: Was für einen Film würden Sie machen?
Da würde ein Konzern, ein konkreter Verursacher, eine wichtige Rolle spielen. Ich würde das einbetten in eine Geschichte, die vom Kollaps erzählt, von den Folgen, die wir schon erleben – aber vor allem Solidarität zeigt. Menschen, die gemeinschaftliche Strukturen aufgebaut haben und so in einer Katastrophe besser durchkommen.
Was müsste sich ändern, damit wir uns mehr solche Geschichten erzählen?
Wir reden immer vom politischen, technologischen, ökologischen Umbau. Aber nie vom kulturellen. Ohne Geschichten werden wir den Wandel nicht rechtzeitig schaffen. Wir brauchen sie, um andere Vorstellungen von einem guten Leben zu vermitteln, von Wohlstand, Freiheit, Leistung, Miteinander. Ich wünsche mir mehr Druck aus der Klimabewegung auf die Filmbranche. Wir müssen nicht nur die Klimakrise in Geschichten integrieren – sondern diese so erzählen, dass sie das Problem nicht weiter befeuern.




