Interview

„Antirassistische Kämpfe sind immer auch Klimakämpfe“

„Klimagerechtigkeit“ statt „Klimaschutz“? Für Nene Opoku ist das kein Streit um Worte, sondern eine politische Frage. Die Aktivistin und Podcasterin ist überzeugt: Solange Ungleichheit, Rassismus und Kolonialismus in der Klimadebatte keine Rolle spielen, fehlen entscheidende Puzzleteile

Porträt von Nene Opoku
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Interview
Lilly Denninger
Foto
Melvyn Ivy
Lesezeit
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Erscheinungsdatum
02.10.2026

atmo: Klimaschutz nützt allen. Warum ist er Ihrer Ansicht nach ein Elitenthema?

Nene Opoku: Das zeigt sich schon an der Wortwahl. „Klimaschutz“, das klingt nach konkreten Maßnahmen – CO2 einsparen, Grenzwerte einhalten. Aber die Frage, wie unsere Gesellschaft eigentlich organisiert ist, bleibt meist außen vor. Teile der Klimabewegung sprechen zwar von Klimagerechtigkeit, meinen damit aber trotzdem oft vor allem Klimaschutz mit technischen Mitteln.

Und deshalb haben Sie und Ihre Kollegin Tatu Hey den antirassistischen Klimapodcast „Überall Klima, nirgendwo Gerechtigkeit“ ins Leben gerufen?

Opoku: Genau. Es gab im deutschsprachigen Raum bisher schlicht kein Format, das die Klimakrise gezielt aus einer rassismuskritischen Perspektive betrachtet. Uns geht es darum, den Blick zu weiten und soziale Gerechtigkeit ins Zentrum dieser Debatte zu rücken. Wir möchten auch eine Klassen- und Machtperspektive in den Diskurs einbringen. Die fehlt bisher fast vollständig. Menschen, die in Energiearmut leben oder Bürgergeld beziehen, sollte eine zentrale Rolle zukommen, wenn wir über Klimaanpassung und Transformation reden.

Oft heißt es, marginalisierte Gruppen hätten wenig Interesse, sich mit Klimaschutz zu beschäftigen. Stimmt das?

Opoku: In antirassistischen Kontexten höre ich häufig: Kommt mir nicht mit diesem weißen Klimathema, wir haben ganz andere Sorgen! Und ich verstehe das. Aber wenn man sich genauer anschaut, was diese Menschen beschäftigt – Flucht, Migration, Ressourcenkonflikte, der extreme Rechtsruck, das Hochziehen von Grenzen –, dann sieht man schnell, dass all diese Themen meist auch irgendwie mit der Klimakrise zusammenhängen. Sie ist ein Multiplikator für bestehende Krisen.

Sie verwenden oft den Begriff „Umweltrassismus“. Was ist damit gemeint?

Opoku: Umweltrassismus bedeutet, dass rassistisch marginalisierte Menschen überproportional von Umweltbelastungen getroffen werden.

Wo zeigt sich das?

Opoku: In Europa etwa in Pata Rât, einem Vorort von Cluj-Napoca, der zweitgrößten Stadt Rumäniens. Dort wurden Tausende Rom*nja direkt an einer Mülldeponie angesiedelt, auf der auch Müll aus Westeuropa landet. Ein prägnantes Beispiel in Deutschland ist die Sinti-Siedlung am Georgswerder Ring in Hamburg, die direkt an einer Giftmülldeponie gebaut wurde. Umweltrassismus zeigt sich aber auch im Kleinen, im Alltag: Wer Rassismuserfahrungen macht, lebt häufiger in versiegelten Stadtteilen an Hauptverkehrsstraßen und leidet im Sommer stärker unter der Hitze. Selbst der Zugang zur Natur ist ungleich, weil rassismuserfahrene Menschen beispielsweise in manchen Gegenden Brandenburgs Sorge vor rechten Übergriffen haben müssen.

Das Thema Ausgrenzung spielt in Ihrem Podcast eine große Rolle. Wie gehen Sie es an?

Opoku: Wir gehen chronologisch die deutsche Geschichte durch: von der Ausgrenzung von Angehörigen der Sinti und Roma in der Nachkriegszeit über die Geschichte der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter bis hin zu Migration und Asylpolitik in der Gegenwart. Dazu laden wir Menschen ein, die uns helfen, das Ganze in einen Zusammenhang zu stellen. Ein wiederkehrendes Muster ist die räumliche Dimension von Ausgrenzung. Gruppen von Menschen werden aus bestimmten Stadtvierteln herausgehalten oder vertrieben. Unser Ziel ist es, voneinander zu lernen – und zu verstehen, wie sich dieses Phänomen im Laufe der Geschichte wiederholt.

Was lässt sich aus diesen Erfahrungen lernen?

Opoku: Diskriminierung aufgrund von Rassismus, Sexismus, Ableismus oder Klassenzugehörigkeit wirkt nie isoliert. Ein Beispiel, das mich sehr beschäftigt, ist die Flut im Ahrtal: Dort lebten Menschen mit Behinderung in Einrichtungen. Für sie kam jede Hilfe zu spät. Die Klimakatastrophe verschränkt sich mit sozialer Benachteiligung – etwa mit der Frage, wer überhaupt geschützt, gewarnt und in Sicherheit gebracht wird.

Warum wird so selten thematisiert, wie diese Diskriminierungen miteinander verbunden sind?

Opoku: Die Zusammenhänge sind kompliziert, und die Politik vereinfacht gerne. Deshalb wird die Klimakrise oft losgelöst von anderen Themen diskutiert, die den Alltag der Menschen unmittelbarer bestimmen – Wohnen, Sicherheit oder Migration. Das zeigt sich zum Beispiel in politischen Wahlkämpfen: Die Klimakrise spielt kaum eine Rolle, wohl aber das Thema Migration, das wiederum meist als reines Sicherheitsproblem inszeniert wird. Und deshalb finden wir das Konzept der Klimagerechtigkeit so wichtig.

Weil es die Welt wieder komplizierter macht?

Opoku: Weil es zeigt, wie Klimakrise, Kolonialismus und Migration zusammenhängen. Während der Globale Norden die Krise durch kolonialen Raubbau an Mensch und Natur verursacht hat, tragen die Menschen im Globalen Süden die schwersten Folgen. Wenn der Norden nun seine Grenzen gegen jene aufrüstet, deren Lebensgrundlagen in erster Linie durch seine fossilen Emissionen zerstört wurden, reproduziert er koloniale Machtstrukturen. Deshalb sind antirassistische Kämpfe heutzutage immer auch Klimakämpfe:  Kämpfe für Klimagerechtigkeit. Das ist ein Punkt, den auch die etablierte, mehrheitlich weiße Klimabewegung in Deutschland selten thematisiert.

„Zur Klimagerechtigkeit gehört, dass alle Menschen sich frei bewegen dürfen.“

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Wie geht diese Klimabewegung mit Ihrer Kritik um?

Opoku: Sie tut sich schwer damit. Nach der Black-Lives-Matter-Bewegung 2020 gab es kurzzeitig mehr Aufmerksamkeit, aber die flachte schnell wieder ab. Ein rassismuskritischer Blick würde bedeuten, Rassismus als etwas Strukturelles zu verstehen, das auch die eigenen Institutionen und Bewegungen prägt. Stattdessen reagiert man oft mit Schweigen. Das sah man auch in den Debatten seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023: Die Konflikte rund um Palästina und die Positionierung der deutschen Sektion von Fridays for Future …

… die sich 2023 von der internationalen Sektion distanzierte, nachdem diese Israel einen „Völkermord“ an den Palästinensern vorgeworfen hatte …

Opoku: ... haben zu einer Entfremdung zwischen der deutschen und der internationalen Klimabewegung geführt. Hierzulande fällt es vielen in der Bewegung schwer, Klimapolitik mit globalen Machtverhältnissen und sozialer Gerechtigkeit zusammenzudenken.

Gibt es auch Positivbeispiele, wo Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit schon zusammen gedacht werden?

Opoku: Ein Ansatz, den ich sehr gut fand, war der Schulterschluss von Fridays for Future mit den Gewerkschaften, als sie gemeinsam für den Ausbau des ÖPNV eingetreten sind. Das erreicht die Menschen, weil es unmittelbar mit ihrem Alltag zu tun hat. Ein anderes Beispiel ist die internationale Graswurzelbewegung Debt for Climate, die maßgeblich von Menschen aus dem Globalen Süden initiiert wurde. Sie setzt sich dafür ein, diesen besonders stark von der Klimakrise betroffenen Ländern ihre Schulden zu streichen. Denn das internationale Finanzsystem ist ein neokoloniales Ausbeutungsinstrument, das sie in Abhängigkeit hält. Debt for Climate mobilisiert ganz unterschiedliche Gruppen, von Landarbeiterinnen über Fabrikarbeiter bis hin zu indigenen Gemeinschaften.

Wie könnten solche Bündnisse und Perspektivwechsel noch häufiger gelingen?

Opoku: Ein erster Schritt ist, die eurozentrische Erklärung des Klimawandels zu hinterfragen. Meistens heißt es: Der Klimawandel ist menschengemacht und hat seinen Ursprung in der Industrialisierung. Das stimmt zwar, aber die Erklärung greift zu kurz, weil der größere Zusammenhang fehlt – eben, wie eng Kolonialismus, Rassismus und Klimakrise miteinander verknüpft sind. Hier hilft ein dekolonialer Blick auf die Krise.

Dekolonial?

Opoku: Während der postkoloniale Ansatz vor allem untersucht, wie koloniale Strukturen und Denkweisen nach dem formalen Ende des Kolonialismus bis heute gesellschaftlich fortwirken, geht die dekoloniale Perspektive einen Schritt weiter und zielt darauf ab, bestehende Ungleichheiten und Machtverteilungen aktiv zu verändern. Sie ist dabei nicht nur ein wissenschaftlicher Ansatz, sondern auch aus antikolonialen und aktivistischen Bewegungen hervorgegangen. Diese Bewegungen kämpfen dafür, historische und neokoloniale Ausbeutungsstrukturen zu überwinden, um eine global gerechtere Welt zu schaffen.

Was wäre eine grüne und gerechte Alternative?

Opoku: Eine echte sozial-ökologische Transformation würde bedeuten, Eigentums- und Machtverhältnisse grundlegend anzufassen: Energie, Wohnen, Mobilität und Daseinsvorsorge müssen dem Profitstreben entzogen und demokratisch organisiert werden. Und zur Klimagerechtigkeit gehört auch, dass alle Menschen das Recht haben, sich weltweit frei und sicher zu bewegen – gerade auch dann, wenn ihre Heimat unbewohnbar wird.

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Migrantinnen und Migranten, die Erfahrungen mit der Klimakrise aus ihren Herkunftsländern mitbringen.

Opoku: Das stimmt. In Politik und Medien spielen die Fluchtgründe von Menschen mit Migrationserfahrung – und damit auch mögliche Zusammenhänge mit der Klimakrise – oft kaum eine Rolle. Dabei bringen viele dieser Menschen Erfahrungen aus Regionen mit, die mit Wasserknappheit und Extremhitze schon lange umgehen. Dieses Wissen wird bisher zu wenig gesehen.  Deshalb ist eine Perspektive, die ich mir – gerade auch von den Medien – viel mehr wünschen würde: Wie können wir voneinander lernen?

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atmo

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