Klimaprotest in Dur und Moll
Das Pariser Orchestre du nouveau monde – das „Orchester der neuen Welt“ – verbindet klassische Musik und Aktivismus und setzt sich so für Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit ein. Und verlässt dazu regelmäßig das Konzerthaus.
Zoé Lienhard, mit Tattoos und Nasenring, sitzt in ihrer WG vor der Kamera, Mitbewohner wuseln im Hintergrund. Ihr politisches Engagement, ihr Berufs- und Privatleben sind für die 28-Jährige eins: „Purer Aktivismus ist anstrengend. Ein Orchester ist jedoch ein Lebensort – wie ein kleines Zuhause.“ Sie kümmert sich um Produktion und Logistik der Truppe. Deren oberstes Ziel: Menschen erreichen und berühren. Klassische Musik sei dafür eine sanfte und freundliche Methode. „Konfrontiert man einen Bankchef mit einer Bach-Messe, ist die Stimmung eine andere, als wenn man mit Fake-Blut überströmt Plakate in die Luft hält“, sagt Lienhard.
Etienne Jarrier, der 24-jährige Dirigent und Klarinettist, hat das Orchester der neuen Welt 2022 gegründet. Seine langen rubinrot gefärbten Haare wallen, wenn er enthusiastisch spricht. Politisiert durch Klimademos, wollte er schon als Schüler die Welt verändern. „Wir hatten das Glück, dafür Geigen und Trompeten in der Hand zu haben“, erzählt er. Aus zwanzig befreundeten Musikern wurde ein Orchester mit heute 150 Mitgliedern, die meisten davon Studierende.
Um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen, spielt das Orchester auch schon mal am Fuße eines Gletschers. Gemeinsam mit einem Chor aus Forschenden traten die Musikerinnen und Musiker zuletzt vor dem Eiffelturm auf: Vier Stunden lang ertönte Verdis „Dies Irae“ (Tag des Zorns) in Dauerschleife, als Protest gegen die weitgehende politische Tatenlosigkeit bei der Weltklimakonferenz in Brasilien.
Das Ensemble versucht, konsequent zu handeln: Es fliegt nicht zu Auftritten, isst beim Catering bevorzugt saisonales Gemüse, trinkt Leitungswasser. „Uns wird oft angeboten, auf Konferenzen zu spielen und damit Greenwashing zu betreiben“, sagt Zoé Lienhard. „Das lehnen wir immer ab.“
Finanziert wird das Orchester durch Spenden, das französische Studentenwerk und das Festival „Université de la terre“. Demnächst will es mit Bauernverbänden Auftritte planen, um für eine nachhaltigere Landwirtschaft zu demonstrieren. „Wir wollen ein Resonanzkörper sein“, sagt Etienne Jarrier.




