Frau Vesper, von welchem Produkt hat Sie am Frühstückstisch das letzte Mal ein Panda angeblickt?
Heike Vesper: Ich weiß es gar nicht, vielleicht von einem Joghurtbecher?
Sie kaufen also bei Edeka ein?
Vesper: Auch. Wie die meisten Menschen erledige ich meine Einkäufe in dem Supermarkt, der auf dem Weg liegt. Man ist ja pragmatisch unterwegs.
Chris Methmann: Ich mache das auch so. Ich habe großen Respekt vor allen, die konsequent auf dem Bio-Wochenmarkt oder im Bioladen einkaufen. Aber für viele Leute ist das illusorisch, aus Geld- oder Zeitgründen oder weil gar nichts in der Nähe liegt. Und ich wehre mich dagegen, individuelle Verhaltensänderungen als die Lösung der Probleme darzustellen, also die Verantwortung auf die Einzelnen abzuwälzen. Es ist Sache der Unternehmen, gesunde Lebensmittel anzubieten, die umwelt- und klimaverträglich erzeugt werden.
Frau Vesper, der WWF gilt als diejenige Umwelt-NGO, die Kooperationen mit Unternehmen am wenigsten scheut. Einige werben dann mit dem WWF-Panda auf ihren Produkten. Warum arbeiten sie mit Konzernen zusammen, die durch ihre Art zu wirtschaften die Klima-, Plastik- und Biodiversitätskrise mit verursachen?
Vesper: Wir scheuen Kooperationen nicht nur nicht, wir suchen sie aktiv. Das ist Teil unserer Strategie. Als Natur- und Artenschutzorganisation ist es unser Ziel, gesunde Lebensräume zu erhalten, auf die wir alle angewiesen sind. Der Landnutzungswandel, vor allem die Abholzung von Wäldern und das Anlegen von Feldern, ist der Biodiversitätskiller Nummer eins. Wir müssen diesen Flächenfraß stoppen und dafür sorgen, dass Land geschützt, renaturiert oder zumindest schonender genutzt wird. Und dabei spielen Unternehmen eine entscheidende Rolle. Die Politik ist bei der Nachhaltigkeitsgesetzgebung viel zu langsam. Deshalb beraten wir Unternehmen bei der Transformation. Sie können in ihrem Wirkungskreis Veränderungen oft viel schneller umsetzen.
Und tun sie das auch?
Vesper: Ja, denn wir setzen in unseren Kooperationen konkrete Ziele und überprüfen, dass sie erreicht werden. Ein Beispiel: Durch unser Zitrus-Projekt mit Edeka ist auf den beteiligten Fincas in Spanien der Wasser- und Pestizideinsatz beim Orangenanbau deutlich gesunken. Es wurden Schutzbereiche angelegt, in der Folge ist auch die Biodiversität gestiegen, selbst Rote-Liste-Arten sind zurück. Wir machen die Veränderung messbar. Natürlich müssen Unternehmen Geld verdienen und stehen unter Wettbewerbsdruck. Deswegen muss der Gesetzgeber den Rahmen setzen. Die Strategie des WWF ist es, den Unternehmen zu sagen: Na kommt, da geht noch mehr! Wenn ihr über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen wollt, könnt ihr mit uns zusammenarbeiten.
Herr Methmann, überzeugt Sie das?
Methmann: Wir stimmen auf jeden Fall darin überein, dass die Politik viel zu langsam ist angesichts der Probleme – und dass Unternehmen viele Möglichkeiten haben, nachhaltiger zu wirtschaften. Nur sehe ich es fundamental anders, wie wir Veränderungen erreichen. Wir leben in einer Zeit, in der die Konzentration von wirtschaftlicher Macht und Reichtum immer größer wird, global bei den Tech-Konzernen, aber auch in Deutschland und gerade im Lebensmittelhandel. Dieser Markt ist extrem konzentriert, Edeka, Rewe, Lidl und Aldi teilen ihn fast unter sich auf. Eine solche Marktmacht braucht stärkere Kontrolle. Gerade in der globalisierten Wirtschaft ist es für Staaten sehr schwer, diese zu gewährleisten. Deshalb ist es unsere Aufgabe als NGOs, Unternehmen und Staaten auf die Finger zu schauen und ihnen Dampf zu machen.
Unternehmen können und müssen sich transformieren. Dabei unterstützen wir sie.
Heike Vesper, WWF
Vesper: Ich stimme dir absolut zu, dass das nötig ist. Aber es ist nicht unser Weg als WWF. Ich finde es gut, dass es ein ganzes Orchester gibt von Organisationen, die unterschiedliche Dinge gut können. Es gibt wahnsinnig gute Kampagnenorganisationen. Aber der WWF schlägt Brücken, um voranzukommen, wir suchen Lösungen gemeinsam mit denen, die Probleme verursachen. Deshalb haben wir auch verschiedene Zertifizierungssysteme mit auf den Weg gebracht, zum Beispiel den SBTi für wissenschaftsbasierte, an den Klimazielen orientierte Emissionsminderungen von Unternehmen. Viele Verbraucher kennen den FSC für nachhaltige Forstwirtschaft und den MSC für nachhaltige Fischerei. Auch wenn es an diesen Zertifikaten immer wieder berechtigte Kritik gibt, halten wir das für den richtigen Weg.
Methmann: Meiner Ansicht nach kann es nicht die Aufgabe von spendenfinanzierten Organisationen sein, quasi den Nachhaltigkeitsrat zu ersetzen. Sagen wir den Unternehmen doch: Ihr habt die Ressourcen, ihr seid reich, also ändert euch! Und wenn ihr das selber nicht schafft, dann holt euch eine Unternehmensberatung!
Vesper: Unternehmen handeln ja nicht nur, weil sie Druck vom Konsumenten spüren oder ein Imageproblem haben. Viele analysieren die Lage und haben festgestellt, dass sie langfristig Probleme bekommen, wenn ihnen die Ressourcen wegbrechen, wenn zum Beispiel Ernten ausfallen und Rohstoffpreise steigen. Um ihr Businessmodell zu sichern, müssen sie also an diesen Dingen arbeiten, und dabei unterstützen wir sie. Auch die Unternehmensberatungen brauchen Informationen – die liefern wir. Ein Beispiel: Die Deutschen essen gern Produkte, die aus Wasserrisikogebieten kommen. Wir haben einen Wasserrisiko- und einen Biodiversitätsrisikofilter entwickelt, die bei Investitionsentscheidungen helfen, alles Open Source, das kann jeder nutzen. Ich glaube, fast jede Unternehmensberatung in Deutschland arbeitet heute mit diesen Tools. Und wenn wir darüber hinaus mit einem Unternehmen eng zusammenarbeiten, dann lassen wir uns das bezahlen.
Methmann: Aber schafft das nicht Abhängigkeiten? Ich frage mich, wann ihr zum Beispiel Edeka, mit denen ihr viel kooperiert, das letzte Mal öffentlich kritisiert habt. Kommt das überhaupt vor?
Vesper: Ja, das kommt vor. In unserer Partnerschaft mit Edeka gibt es unfassbar viele kritische Auseinandersetzungen, und so muss es auch sein. Aber in einer Partnerschaft trägt man seine Konflikte am besten nicht öffentlich aus. Und vieles, was Edeka macht, ist nicht Teil der Partnerschaft. Was die angeblichen Abhängigkeiten angeht – die sehe ich nicht. Der Anteil aller Gelder, die wir aus Unternehmenskooperationen bekommen, beträgt nur 16 Prozent unseres Budgets. Der weit überwiegende Teil sind Spenden, mit denen wir weltweit Naturschutzprojekte finanzieren, und projektbezogene öffentliche Gelder.
Methmann: Wenn 16 Prozent wegbrechen, müsstet ihr 16 Prozent eurer Leute entlassen. Das will man nicht. Entsteht da nicht ein Anreiz, mal ein Auge zuzudrücken?
Vesper: Wir stehen ja in öffentlicher Betrachtung, wir können es uns gar nicht leisten, Mist zu machen. Aber ich will nicht sagen, dass alles perfekt läuft. Deshalb ist Transparenz total wichtig. Alle Projekte und Kooperationen werden in Berichten detailliert beschrieben.
Zuletzt hat ein Gericht einer Klage von Foodwatch gegen Edeka recht gegeben. Herr Methmann, worum ging es da?
Methmann: Wir konnten nachweisen, dass Gut-und-günstig-Produkte von Edeka Palmöl enthalten, dessen Anbau in Guatemala mit Menschenrechtsverletzungen an Indigenen und pestizidverschmutztem Grundwasser einhergeht. Der Konzern darf sie nun nicht mehr als nachhaltig bewerben. Die Produkte haben das RSPO-Siegel für angeblich nachhaltiges Palmöl getragen – da hängt der WWF mit drin.
Vesper: Wir haben den RSPO, den Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, mitgegründet, das stimmt. Angesichts der Regenwaldrodung finden wir den Dialog mit Plantagenbetreibern und Händlern nach wie vor wichtig. Aber die Zertifizierung erfolgt nicht durch den WWF, sondern durch eine unabhängige Partei. Und es gibt immer schwarze Schafe, so wie die Ölmühle in Guatemala – deren Produkte übrigens auch andere große Supermarktketten verkauft haben. Ich verstehe natürlich, dass ihr euch für die Klage ein Unternehmen rausgepickt habt, so funktionieren Kampagnen. Aber was ist nun passiert? Die Ölmühle hat ihr Zertifikat verloren – zu Recht, da bestimmte RSPO-Standards nicht sichergestellt werden konnten. Jetzt verkauft sie die gleiche Ware an andere, nur ohne Zertifikat, das Problem ist also nicht gelöst. Mir wäre es lieber gewesen, die Mühle und ihre Lieferanten hätten kooperiert, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, und wären durch den RSPO künftig engmaschiger kontrolliert worden. Und was das Gerichtsurteil angeht: Da ging es nicht um Menschenrechtsverletzungen, sondern um unlauteren Wettbewerb, um mangelnde Informationen zur Nachhaltigkeit und Zertifizierungen auf der damaligen Edeka-Website. Das Gericht traf keine Aussage zur Zulässigkeit des RSPO-Siegels.
Ich finde, der Panda an der Supermarkttür kommt Greenwashing sehr nahe.
Chris Methmann, Foodwatch
Methmann: Damit lenkst du jetzt aber ab. Wäre da alles fein gewesen, hätten sie das Siegel ja nicht verloren. Und jetzt heißt es: Das war nur ein blöder Einzelfall?
Vesper: Das sage ich gar nicht, so etwas passiert viel zu häufig. Auch bei den Nachhaltigkeitszertifikaten für Fischerei und Forstwirtschaft gibt es immer wieder Fälle, die man kritisieren und auch anzeigen muss. Und das machen wir: Wenn wir Verstöße feststellen, melden wir sie dem Zertifizierer.
Methmann: Ich schildere es mal aus der Perspektive von Foodwatch: Allein der Fall mit der Ölmühle hat uns, eine relativ kleine Organisation, Jahre an Recherche gekostet. Und ich erlebe die Nachhaltigkeitslabels, die ihr von WWF mit ins Leben gerufen habt – RSPO, FSC, MSC und ASC für Aquakultur – als extrem professionalisierte, übermächtige Zertifizierungsorganisationen, die Kritik einfach abtun. Wenn wir als Foodwatch da etwas beanstanden, bekommen wir erst mal siebzig Seiten geschrieben, warum das alles gar nicht stimmt.
Vesper: Wir beim WWF auch!
Methmann: Wir haben diesen Fall also mit enormem Aufwand selbst recherchiert – und konnten zeigen, dass unsere Kritik eben doch berechtigt war. Da frage ich mich schon, wie sehr ich mich auf so ein Siegel verlassen kann, wenn ich einen Fall genauer verfolge und feststelle, was da auf der Plantage alles schiefläuft.
Vesper: Ich sehe ja die Probleme. Aber meine Position ist: Bei dem Tempo, mit dem wir als globale Gesellschaft die planetaren Grenzen reißen, müssen wir beim Umweltschutz alle Hebel in Bewegung setzen. Und es gibt eben unterschiedliche Hebel, Konfrontation und Kooperation.
Herr Methmann, gegen eine solche Strategie-Arbeitsteilung unter den NGOs, die alle auf ihre Weise das Richtige wollen, ist doch nichts einzuwenden, oder?
Methmann: Ja und nein. Meiner Meinung nach braucht man eine gewisse Distanz, um glaubwürdig zu bleiben. Man darf sich nicht vereinnahmen lassen. Und da muss ich leider noch mal auf den Panda zurückkommen. Wenn ich an meinem Edeka vorbeilaufe, klebt draußen ein Panda dran mit WWF-Logo. Das vermittelt den Eindruck: Irgendwie ist das cool, was in diesem Laden passiert. Aber wenn ich durch die endlosen Regalreihen mit Tausenden Produkten gehe, ist das allermeiste nicht nachhaltig. Ich glaube euch, dass ihr für bestimmte Produkte echte Veränderungen erreicht habt. Aber es sind vergleichsweise wenige. Ich weiß, der Vorwurf ist hart, aber ich finde, der Panda an der Tür kommt Greenwashing sehr nahe.
Vesper: Greenwashing ist ja, wenn man behauptet, etwas zu tun, was man nicht macht. Die Kooperation zwischen WWF und Edeka basiert auf gemeinsam definierten Zielen und Maßnahmen bei ausgewählten Themen. Eine generelle Nachhaltigkeitsbewertung der Unternehmen oder Produkte nimmt der WWF nicht vor. Das, was gesagt wird, passiert auch und es ist prüfbar.
Könnte der WWF nicht etwa beim Thema Fleisch aktiv werden? Im Tierhaltungs-Supermarkt-Check von Greenpeace bildet Edeka das Schlusslicht. Der WWF könnte sagen: Die Klimakrise spitzt sich zu, beim Tierwohl gibt es weiterhin riesige Defizite, wir können es nicht länger verantworten, dass unser Panda mit einem Unternehmen in Verbindung gebracht wird, das Billigfleisch verkauft.
Vesper: Noch mal: Wir arbeiten nicht zu diesem Thema. Und wir wollen auch keine Firewall für Unternehmen sein, sie müssen schon ihren Job machen. Wenn Informationen für Studien oder Scorings bei ihnen angefragt werden, liegt die Beantwortung bei den Unternehmen selbst.
Methmann: Ich frage mich dennoch, ob ihr euer Panda-Logo nicht zu billig hergebt.
Vesper: Ein Großteil unseres Einkommens kommt ja aus privaten Spenden, da sind Foodwatch und WWF sich ähnlich. Und wir fragen unsere Spender regelmäßig, wie sie es finden, dass wir mit Unternehmen zusammenarbeiten und sich entsprechende Hinweise auf Produkten finden. Unsere Spender finden das gut. Sie finden es auch richtig, dass der WWF Geld dafür nimmt, dass wir diese Arbeit machen. Sie sind mit dieser Strategie einverstanden.
Derzeit wirbt sogar ein Plüsch-Panda in lustigen Werbespots für Ariel-Waschkapseln.
Vesper: Ja, und zwar sehr erfolgreich. Procter & Gamble hat ein Produkt entwickelt, mit dem man kalt waschen kann. Weil dadurch Energieverbrauch und Emissionen der Haushalte sinken, machen wir zusammen die Kampagne „Wir drehen runter“. Den Effekt haben wir evaluieren lassen: Die Waschtemperatur ist bundesweit messbar gesunken!
Herr Methmann, ist der Ansatz des WWF, Unternehmen zum Wandel zu bewegen, womöglich effizienter? Dagegen wirken die Foodwatch-Erfolge eher punktuell.
Methmann: Das sehe ich anders. Es stimmt, unsere jahrelangen Konflikte mit Coca-Cola und Co. um den Zuckergehalt von Getränken haben bei denen selbst nicht viel ausgelöst – aber dann haben wir die Politik zum Handeln getrieben, jetzt kommt die Zuckersteuer. Oder die vielen Klimaneutralitätssiegel, die wir lange als irreführend abgemahnt und auch beklagt haben – das hat deutlich abgenommen. Jetzt tritt eine neue EU-Richtlinie in Kraft, die solches Greenwashing verbietet.
Laut dieser EmpCo-Richtlinie dürfen Unternehmen ihre Produkte künftig nicht mehr als „klimaneutral“ bewerben, wenn dies durch Kompensationen erreicht wurde und nicht durch eigene Schritte. Umwelt-Claims müssen durch unabhängige Zertifizierer gedeckt sein. Reicht das aus?
Methmann: Strengere Regeln sind gut. Allerdings wurde eine weitreichendere Regulierung als zu bürokratisch abgelehnt, und es stimmt schon, das wäre ein irre komplexes Regelwerk gewesen. Aber da würde ich sagen: Selber schuld, liebe Industrie! Meine These ist: Auf EU-Ebene entsteht nicht zuletzt deshalb viel Bürokratie, weil die Industrie echte Lösungen – etwa eine Plastikabgabe, die wirklich etwas bewirkt – scheut und weglobbyiert.
Vesper: Der WWF hat sich dafür eingesetzt, dass ein Gesetz wie EmpCo kommt. Allerdings macht es mir auch ein bisschen Sorge, dass damit auch die Nachhaltigkeitskommunikation für Unternehmen schwieriger wird. Was ist dann die Motivation für sie, Dinge besser zu machen – außer, dass es richtig ist? Wie siehst du das?
Methmann: Da bin ich weniger besorgt, denn ich ziele gar nicht in erster Linie darauf ab, dass wir jetzt alle bei den Unternehmen kaufen, die es richtig machen. Ich will ja vor allem, dass die Politik aktiv wird – und nicht, dass überall irgendwelche Umweltsiegel draufkleben, bei denen niemand mehr durchblickt. Wenn überhaupt, wäre zum Beispiel ein staatliches Label für den CO2-Fußabdruck von Produkten interessant.
Vesper: Da wäre ich dabei. Das Problem ist nur, dass in den superkomplexen Lieferketten die dafür nötigen Daten derzeit nicht verfügbar sind. Bei meinem Joghurt zum Beispiel wäre die Frage: Wo stand die Kuh, wie wurde sie gefüttert? Dann die Verpackung. Und dann der Transport: Es kommt ja darauf an, ob Joghurt aus Allgäuer Milch in München oder Hamburg verkauft wird. Bei vielen Produkten gibt es gemischte Herkünfte. Und dann gucken wir mal auf eine Backmischung …
Methmann: Ein Albtraum.
Vesper: Deshalb haben wir als WWF sehr viel Arbeit investiert, damit es eine Berichtspflicht für Unternehmen gibt – die jetzt von der Kommission wieder schön zurückgestutzt worden ist. Sie hätte dazu geführt, dass man über die Lieferkette mehr Daten bekommt ...
Methmann: … und da kann mir kein Unternehmen erzählen, dass es das nicht hinbekommt. Die haben halt keinen Bock darauf.
Vesper: Die Rückschritte, die gerade auf EU-Ebene und auch in Deutschland gemacht werden, beim Green Deal, bei der Klimagesetzgebung, bei der Naturschutzgesetzgebung, sind wirklich schlimm.
Wir stellen fest: Die Gesamtlage schätzen Foodwatch und der WWF ähnlich ein.
Methmann: Stimmt. Und übrigens: Die politische Arbeit des WWF muss ich ausdrücklich loben!
Nun steht die Zivilgesellschaft unter Druck wie lange nicht – durch Debatten um das Gemeinnützigkeitsrecht, durch Kritik an ihrer angeblich fehlenden parteipolitischen Neutralität oder parlamentarische Anfragen zu NGO-Finanzen. Wie verändert das die Arbeit der NGOs? Rücken sie enger zusammen?
Vesper: Ich glaube schon. Es besteht ja ein Zusammenhang mit dem Rollback beim Klima- und Naturschutz. Derzeit werden seit Jahren etablierte Errungenschaften, wirklich gute Standards, einfach weggewischt, auf EU-Ebene und in Deutschland. Und damit du das machen kannst, musst du die, die dafür geradestehen und laut sind, zum Verstummen bringen. Die Kräfte, die den Planeten wie einen Selbstbedienungsladen ausbeuten, die unsere Lebensgrundlagen zerstören, haben ein Interesse daran, dass Organisationen wie unsere möglichst kein Gehör finden. Das ist die Strategie, die dahintersteckt.
Methmann: Tatsächlich schließen die NGOs vermehrt Bündnisse, gerade zum Schutz der Gemeinnützigkeit, die derzeit heftig angegriffen wird. Wenn das aus der AfD-Ecke kommt, wundert mich das nicht. Viel mehr besorgt mich, dass auch Kräfte in der CDU, in den Mitte-Parteien, so skeptisch gegenüber NGOs werden, oft mit hanebüchenen Argumenten. Dabei sind NGOs – wie die Medien – zentraler Bestandteil einer funktionierenden Demokratie. Sie haben eine Watchdog-Funktion, sodass die Leute nachts ruhig schlafen können. Es ist absurd, in einer Situation, in der die Demokratie dermaßen in Gefahr ist, ausgerechnet jene, die diese wichtige Funktion erfüllen, anzugreifen. Das nehme ich denen echt übel.

Heike Vesper, 56, ist Vorständin für Transformation beim WWF Deutschland. Sie will mithilfe von Unternehmenskooperationen nachhaltigere Lieferketten erreichen. Die studierte Meeresbiologin und leidenschaftliche Taucherin engagiert sich seit vielen Jahren für den Schutz der Ozeane und entwickelte den WWF-Fischratgeber. 2021 erschien ihr Buch „Wenn wir die Meere retten, retten wir die Welt“ (Rowohlt).
Chris Methmann, 45, ist Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland. Der studierte Politikwissenschaftler promovierte zu internationaler Klimapolitik und -migration, engagierte sich bei Attac und war lange Kampagnendirektor bei Campact. Bei Foodwatch setzt er sich für nachhaltige, fair produzierte Lebensmittel und strenge Richtlinien für Konzerne ein. Gerade ist sein Buch „Bad Food“ erschienen (Ullstein).




